Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Heinrich Böll, "Weggeflogen sind sie nicht" oder die Frage der Freiheit in der Zeit der Unterdrückung

Auf dieser Seite geht es um einen Text von Heinrich Böll, der zwischen Sachtext und Dichtung liegt. Eine durchaus sehr berechtigte Sachfrage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft wird dazu genutzt, eine parabelartige Geschichte aus dem Zoobereich zu erzählen.

Diese Geschichte macht deutlich, dass es ein System von Unfreiheit gibt, in dem der Kampf des Einzelnen um seine Freiheit wichtig ist, aber letztlich ohne Bedeutung bleibt.

 

Der Text ist u.a. hier zu finden.

Der Text - in Abschnitte gegliedert und erläutert

Aus urheberrechtlichen Gründen werden links nur der Anfang und das Ende des jeweiligen Abschnittes angegeben.

Weggeflogen sind sie nicht

Allgemeines/Überschrift
Überschrift sehr unklar - Scheint Teil einer Aussage zu sein; unklar auch, ob es sich um einen expositorischen oder fiktionalen Text handelt

Sie fragen mich [...]auf ewig ungetrennt sind?

Frage-Stellung, die zu einer Infrage-Stellung wird: wichtigstes kulturelles und gesellschaftliches Ereignis: Gegenfrage betont die Verbindung beider Bereiche.

Eindruck eines (schriftlichen) Interviews oder Briefauszugs; es sieht auf gar keinen Fall nach einem fiktionalen Text aus.

Für mich war das wichtigste  [...] im hiesigen Zoo, abstatte.

Überraschende These: Wichtigstes Ereignis im Sinne des Anfangs = jährlicher Besuch bei seiner Freundin, der Schnee-Eule im Zoo: sieht nach Provokation aus, überrascht auf jeden Fall, macht Leser neugierig.

Was mich zu ihr treibt, [...]bekommt sie ans Gitter gebracht.

Begründung des Immer-wieder-Besuchs: Weiter überraschende Aneinanderreihung von Attributen, die man vielleicht eher von einer menschlichen Geliebten erwarten würde

Überleitung zur Beschreibung ihrer Gefangenschafts-Situation

Worüber ich mich mit ihr  [...] Gesprächsthema Form und Inhalt der Freiheit.

Fortsetzung der Provokation: Behauptung, ein typisch menschliches/literarisches Thema sei im Zoo besprochen worden, aber schon wieder Überleitung auf das viel realere Kernproblem des Textes, nämlich die Freiheit im ursprünglichen Sinne.

Ich fragte die Schnee‑Eule  [...] sie zöge den Käfig vor.

Weitere Fortsetzung der Provokation - jetzt aber auf der Ebene der Beschreibung der Lebenswelt der Eule: Sie hat ein Freigehege abgelehnt, zieht die Gefangenschaft im Käfig vor.

Ich schwieg betroffen  [...] ich kam mir sehr dumm vor.

Reaktion des Erzählers: Weniger Verwunderung, eher intellektuelles Unterlegenheitsgefühl - Wiederaufnahme der früher genannten Attribute der Schnee-Eule (wenn auch in leicht abgeänderter Reihenfolge)

Hast du denn nicht gesehen  [...] Nein, sagte ich, weggeflogen sind sie nicht.

Frage-Aktionen der Schnee-Eule nach den anderen Tieren, die das Freigehege gewählt haben: Fast schon im Sinne der Mäeutik des Sokrates (Hebammenkunst, jemanden selbst durch Fragen zur Erkenntnis kommen zu lassen) muss der Sprecher/Ich-Erzähler erkennen, dass das Freigehege den Namen nicht verdient, keine Freiheit bringt.

Und warum nicht, mein törichter Freund? [...] Man hat ihnen die Schwungfedern gestutzt. 

Abschließende Erklärung der Schnee-Eule, zugleich Entlarvung des "Freigeheges"

 

Deshalb ziehe ich es vor  [...] aber ungestutzte Flügel.

Wiederholung und Bestätigung ihrer Position und Nachweis ihrer Überlegenheit gegenüber der Freigehege-Alternative

Wegfliegen können sie so wenig wie ich.

Abschluss: Offensichtliche Aufgabe des Überlegenheitsanspruchs, Hinweis auf das gemeinsame Leid

Intentionalität:

Dieser seltsame Text mit seiner Mischung aus expositorischen (Erlebnisbericht, Gespräch/Interview) und fiktionalen Elementen (eine Art Fabel/Parabel) soll zum einen deutlich machen, dass man sich das Potenzial von Freiheit, das in den eigenen „Flügeln“ liegt, nicht betrügen lassen soll.

Zum anderen endet der Text aber sehr resignativ, verweist auf das Tragische einer jeden Situation von Zootieren.

Man muss den Schluss des Textes aber natürlich im Rahmen der Ausgangssituation sehen, in dem es um die Frage des Verhältnisses von „kulturellen und gesellschaftlichen“ Ereignissen geht, also allgemein um das Verhältnis von Kultur und Gesellschaft. Vertreten wird ja schon am Anfang die These, dass „Kultur und Gesellschaft untrennbar, ja unzertrennlich“ sind.

Letztlich macht der Text die Spannung deutlich, die zwischen dem Bewusstsein der eigenen Freiheit (wie es in der Kultur/Kunst möglich ist und von der Schnee-Eule vorgelebt wird!) und der realen Unfreiheit liegt, die in der Beispielgeschichte durch den Zoo repräsentiert wird. Den Schritt hin zur Frage, ob und wie dieser Widerspruch aufgehoben werden kann, tut der Text nicht mehr, er ergibt sich aber automatisch mit ihm – die Antworten muss der Leser selbst finden.
 

Künstlerische Mittel

Direkter Einstieg – mehr oder weniger reale Rahmensituation eines Interviews

Provokation/Verfremdung durch den direkten Einbezug der Schnee-Eulen-Geschichte

Verstärkung der Aussage durch panegyrische (stark lobende) Beschreibung der Schnee-Eule („mit dieser reinen, schönen, klugen, wilden Freundin“)

Mäeutik-Verfahren des den Frager-selbst-auf-die-Lösung-kommen-Lassens

Besonderer Schluss: scheinbar positiver Unterschied – letztlich aber Belanglosigkeit angesichts der realen Gefangenschaftssituation aller Tiere
 

Bewertung/Stellungnahme/Sinnzuweisung

Diese Geschichte fordert vor allem am Schluss heraus zum Protest und verstärkt damit die Intention, hinzuweisen auf das „Untierische“ (um nicht zu sagen: „Unmenschliche“) der Zoo-Situation: Denn die Schnee-Eule kann sich zwar ihre Freiheitspotenz erhalten (die Flügel), aber sie kann damit nur mehr anfangen als die Tiere mit gestutzten Flügeln, wenn der Mensch ihr dazu die Chance gibt, Hilfe also von außen kommt. Allenfalls könnte man noch auf einen glücklichen Zufall hoffen. Der Leser bleibt – wie oben schon vermerkt – aufgefordert, sich selbst eine Lösung zu suchen, um diese Situation zu verändern oder – zu ertragen.
 

Hinweis auf kreative Möglichkeiten

Diese Geschichte schreit so sehr nach Fortsetzung und damit Veränderung der tragischen Situation am Ende, dass Schülerinnen und Schüler sicher gerne bereit sind, sie weiter zu schreiben. So könnte etwa der Freund der Eule fragen, warum sie dann nicht wenigstens den Schein der Freiheit haben möchte – sie könnte etwa antworten, dass sie auf den Moment wartet, wo sie mit ihren brauchbaren Flügeln eine Chance bekommt – und auf die Frage, was aber sei, wenn dieser Moment nie komme, dann könnte sie antworten, dass sie wenigstens für ihn bereit gewesen wäre und von ihm hätte träumen können.

Dies nur als eine mögliche Variante – Schüler mögen in ihrer Kreativität auch noch auf andere kommen. Auf jeden Fall lohnt es sich, ihnen diese Reaktionsmöglichkeit zu geben.

Hinweis auf vergleichbare Texte:

Bertolt Brecht, Maßnahmen gegen die Gewalt

Enzensberger, ins lesebuch für die oberstufe

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