Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
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"Der Club der toten Dichter": Analyse der Szene vor dem Selbstmord des Schülers

Thema:     Der Club der toten Dichter

 

Klassenarbeit/Filmanalyse: Analyse der Szene vor dem Schülerselbstmord

Ex-TMD:3856

              

Kurzvorstellung des Materials:

Filme spielen im Unterricht eine zunehmende Rolle, vor allem natürlich auch Literaturverfilmungen.

Dieses Dokument am Beispiel des „Clubs der toten Dichter“, wie man eine Szenenfolge zum Gegenstand einer Klassenarbeit machen kann.

  • Übersicht über die Teile   Allgemeines zu dieser Art von Klassenarbeiten
  • Aufgabenstellung
  • Einordnung in den Kontext
  • Detail-Analyse
  • Klärung von Funktion und Bedeutung
  • Musterlösung
  • Weiterführende Aufgabe: Überlegungen zur Aktualität des Filmausschnitts
  • Anhang: Drehbuch-Ansatz zur gezeigten Szene mit Verschriftlichung des Gesprächs zwischen Vater und Sohn

Allgemeines zu dieser Art von Klassenarbeit

  • Zunächst ist eine sorgfältige Vorbereitung natürlich wichtig. Der Film sollte gezeigt und grob besprochen worden sein. Darüber hinaus sollten einzelne Szenenfolgen schon einmal genauer analysiert worden sein. Hierzu bietet sich besonders die Eingangssequenz an.
  • Der diesem Dokument zugrunde liegende Ansatz geht weniger davon aus, dass die Schüler alle filmtechnischen Grundbegriffe kennen sollen – besonders der genauen Bezeichnung der Kameraeinstellungen wird hin und wieder zu viel Bedeutung beigemessen. Stattdessen geht es um die spezifische Erzähltechnik des Films, d.h. die Abfolge der Einstellungen und Sequenzen sowie deren filmische Eigenart.
  • Wesentlich ist der Aspekt der Funktionalisierung, d.h. die Schüler sollen erkennen, dass es sich beim Filmemachen um einen sehr bewussten Vorgang handelt, der mit den eigenen Mitteln dieser Gattung besondere Interpretationsakzente setzt.

Aufgabenstellung

Analysiere die gezeigte Szenenfolge ab dem Ende des Theaterstücks bis zum Ende der letzten Auseinandersetzung Neil Perrys mit seinem Vater.

Achte dabei darauf,

  1. dass du die Szene zunächst in den Zusammenhang des ganzen Films einordnest,
  2. dass du sie anschließend - unter besonderer Berücksichtigung auch der filmtechnischen Mittel - im einzelnen erläuterst
  3. und schließlich ihre Bedeutung für den ganzen Film und seine Aussage bestimmst.

Freiwillige Zusatzaufgabe: Stelle Überlegungen an, ob und inwieweit der gezeigte Filmausschnitt heute noch aktuell ist.

Musterlösung

Einordnung in den Kontext des Films

  • Die vorliegende Szenenfolge befindet sich ziemlich am Schluss des Films, in gewisser Weise stellt sie den Höhe- und Wendepunkt des Films dar:
  • Neil Perry hat Keatings Gedanken aufgenommen und versucht umzusetzen und ist dabei auch „krumme Wege“ gegangen. Er hat nämlich nach einer ersten Konfrontation mit seinem Vater nicht mehr versucht, dessen Einwilligung zu erreichen, sondern diese gegenüber Keating nur vorgetäuscht, was die Katastrophe auslöst. Zunächst kommt es doch noch zur direkten Konfrontation mit dem Vater und anschließend zur selbstmörderischen Reaktion des Sohnes, der sich nicht anders zu helfen weiß.

Erläuterung der Einstellungen/Filmsequenzen

  • Zunächst wird eine Art stumme Konfrontation gezeigt, der Abstand zwischen Vater und Sohn wird filmisch dadurch dargestellt, dass sie durch den leeren Saal getrennt werden. Dabei ergibt sich zugleich eine symbolische Ebene, schließlich ist es das Theater, das die Beiden trennt, und Neil tritt durch den Vorhang auf die Bühne, das heißt, aus dem Bereich, wo jetzt das oder besser: sein Leben spielt, dorthin, wo die alte Welt des Zwangs auf ihn wartet.
  • Es folgt eine rasche Folge von Einstellungen, die eine Art Kampf zwischen dem Vater und Neils „Fanclub“ präsentiert – der Vater setzt sich hier recht aggressiv und autoritär durch, was für die weitere Auseinandersetzung nichts Gutes erwarten lässt.
  • Wichtig ist noch eine kurze Auseinandersetzung zwischen Mr. Neil und Mr. Keating, die diesen völlig verstört zurücklässt – so kennt man ihn gar nicht, wie ihn jetzt die Kamera zeigt. Hintergrund ist, dass er völlig überrascht ist, er musste ja annehmen – wenn auch zögernd, dass Neil seinen Vater überzeugt hat.
  • Dann ein Schauplatzwechsel – gezeigt wird zunächst die Mutter und ihr Umfeld – deutlich ist der Kontrast zwischen der Pseudo-Harmonie des Familienbildes und der aktuellen Spannung, die sich im intensiven Rauchen der Mutter zeigt.
  • Es folgt eine Wiederholung der ersten Auseinandersetzung zwischen Herrn Perry und seinem Sohn – wieder läuft der Vater fast in Hut und Mantel herum und sitzt der Sohn ihm untergeordnet, versucht nur ein einziges Mal aufzuspringen – ohne Erfolg. Ergänzt wird dieses autoritäre Szenario diesmal um die Mutter, die ebenfalls zu den Unterdrückten gehört und hinten wie ein Stück Staffage sitzt.
  • Was die Kommunikation zwischen Vater und Sohn angeht, so verläuft sie ähnlich eingleisig wie beim ersten Mal – mit dem Unterschied, dass der Vater sich diesmal noch weniger um Verständnis bemüht – er gibt seinem Sohn nur eine kurze Chance, seine Gefühle zu erklären, aber bei der gespannten Situation ist es eigentlich keine echte Chance.
  • Sehr einseitig ist auch das Ende des Gesprächs – der Vater entscheidet, dass man jetzt schlafen geht, bei der Mutter zeigt sich noch ansatzweise ein mütterlicher Reflex, aber mehr ist es auch nicht – weder geht sie auf die Feststellung des Sohnes ein: „Ich war gut“ noch geht dieser auf seine Mutter ein.
  • Typisch ist die doppelte „Bettszene“: die Ordentlichkeit des Vaters – die Nicht-Kommunikation auch zwischen den Eheleuten. Der Vater hat seiner weinenden Frau nicht viel zu bieten. Überdeutlich wird, dass zu den autoritären Strukturen, die der Film zeigt, nicht nur das Vater-Sohn-Verhältnis gehört, sondern auch die Unterordnung und Anpassung der Frau unter den Ehemann.
  • Als nächstes wird das Zimmer des Sohnes im entscheidenden Ausschnitt gezeigt: Was dieses Elternhaus anzubieten hat, ist nur ein aufgeräumtes Zimmer mit einer penibel bereitgelegten „Nachtausrüstung“, aber keine wirkliche Wärme, kein Verständnis.
  • Ausblick: Damit ist eine ausweglose Situation erreicht, die Neil dazu bringt, seine Rolle noch einmal anzuspielen, indem er die Krone aufsetzt, und sich dann mit dem Revolver des Vaters zu erschießen. Damit ist nicht nur er gescheitert, sondern auch Keating, dem der Selbstmord zur Last gelegt wird.

Überlegungen zur Funktion der Szenenfolge

Was Funktion und Bedeutung der Szene angeht, lässt sich Folgendes feststellen:

  1. Zunächst einmal ist hier ein Wendepunkt gegeben: Bis jetzt sah es so aus, als könnte sich erstmals eine Gruppe von Schülern selbst verwirklichen, eigene Wege gehen und damit auch das Schulsystem modernisieren. Jetzt zeigt sich, dass die autoritären Strukturen übermächtig sind, dass es auch keine wirksamen Gegenstrukturen gibt – etwa wie man heute SV-Lehrer kennt, die Konflikte austragen helfen.
  2. Zugleich ist diese Szenenfolge aber auch ein Höhepunkt, weil sie den problematischen Kontext der Anregungen von Keating zeigt: Er hat sie zur Eigenständigkeit geführt oder auch verführt, ohne ihnen genügend zu helfen, diese Selbständigkeit auch gegen die bestehende Gesellschaft durchzusetzen.
  3. Es sollte aber auch deutlich gemacht werden, dass die gezeigte Szenenfolge ja nicht das Ende des Films darstellt, dass an seinem Ende auch nicht die Entlassung Keatings steht, sondern eine erneute Revolte seiner Schüler, deren Ergebnisse nicht mehr gezeigt werden. Damit ergibt sich die interessante Frage, inwieweit man den Film weiterschreiben könnte, d.h. wie das weitere Schicksal der Schüler sich entwickelt. Aber das gehört nicht mehr zur Lösung dieser Aufgabe.
  4. Dazu gehört eher noch der extreme Zusammenprall von Aufsteigermentalität (der Sohn soll weiterkommen als seine Eltern, normal aufsteigen) mit Selbstverwirklichungssehnsucht (der Sohn will eigene Wege der Selbstverwirklichung gehen, bei der Geld und Karriere nicht im Vordergrund stehen.
  5. Deutlich werden im gezeigten Filmausschnitt auch die autoritär-patriarchalischen Züge in der Familie.
  6. Schön wäre, wenn der eine oder andere Schüler bei der Lösung auch in besonderer Weise eigenständige Akzente setzen würde: So könnte etwa darauf hingewiesen werden, Es, dass auch Neil Schuld auf sich geladen hat – in gewisser Weise hat er Keating auf dem Gewissen. Schließlich hat seine Lüge den Eklat erst provoziert.

Eigenständige Überlegungen zur Aktualität

  • Hier kann und soll den eigenen Erfahrungen der Schüler nicht vorgegriffen werden.
  • Mögliche Aspekte der Lösung dieser Aufgaben könnten sein, dass heute so offene autoritäre Strukturen wohl eher nicht gegeben sind, dass es aber u.U. subtilere Formen der Zwangsanpassung an die Wünsche der Eltern gibt.
  • Ein wichtiger Punkt ist aber, dass die Ausbruchsmöglichkeiten heute größer sind, weil sie „normaler“ geworden sind. Außerdem werden sie in vielfältiger Weise in der Öffentlichkeit (durch Medien, auch durch Literatur in der Schule) unterstützt und gehören damit stärker zum gängigen Handlungsrepertoire.
  • Ein weiterer Punkt ist, dass Konflikte heute als so selbstverständlich angesehen werden, dass es für sie auch vielfältige Hilfsangebote gibt, von den SV-Lehrern der Schule bis hin zur schulpsychologischen Beratungsstelle u.ä. Einrichtungen. Es dürfte auch heute viel selbstverständlicher sein, dass man sich seinen Mitschülern oder sogar einzelnen Lehrern gegenüber als Schüler öffnet und damit eher Rat und Unterstützung findet.

Drehbuch-Ansätze

Im Folgenden eine Übersicht über die Abfolge der Einstellungen bzw. Filmsequenzen des Ausschnitts sowie eine Mitschrift des „Gesprächs“ zwischen Vater und Sohn – mit einer kurzen Bemerkung der Mutter.

Bei einer Vorübung im Unterricht könnten die Schüler versuchen, die Drehbuchansätze in der Weise auszubauen, dass entsprechend der realen Umsetzung im Film Regiehinweise eingebaut werden (z.B. „Der Vater, herrisch von oben herab“ oder „Neil, resignierend“ usw.)

0:00     Neil tritt vor den Vorhang

0:13     Sein Vater schleppt ihn durch seine Fans, die ihn feiern wollen.

0:25     Konfrontation mit Keating.

1:10     Die wartende Mutter

1:30     Vater und Sohn treten ein.

Vater:  Wir haben uns große Mühe gegeben, um zu verstehen, warum versucht, dich uns zu widersetzen.  Egal, was deine Gründe sind, du wirst dein Leben nicht ruinieren.  Morgen melde ich dich in Welton ab und schicke dich auf die Militärakademie.  Anschließend wirst du Medizin studieren.

Neil:    Das bedeutet weitere 10 Jahre. Das ist eine Ewigkeit.

Vater:  Schluss damit. Mach’s nicht so dramatisch, du tust gerade so, als wäre es eine Gefängnisstrafe. Du bist einsichtig, Neil. Du hast Möglichkeiten, von denen ich nicht mal zu träumen gewagt hätte. Ich werde nicht zulassen...

Mutter: Wir machen uns Sorgen

Neil:    Ich muss dir doch wenigstens sagen können, was ich empfinde.

Vater:  Na gut, sag mir, was du empfindest. Na was? Hat das wieder was mit Schauspielerei zu tun? Das kannst du für immer vergessen. Also?

Neil:    Gar nichts.

 

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