Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
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"Induktiv" und "hermeneutisch": zwei Wege zur sicheren Interpretation

Alle, die Angst vor dem Interpretieren haben, sollten diese beiden Wege kennen: Das induktive Vorgehen sorgt dafür, dass man die Signale eines Textes richtig aufnimmt und verarbeitet.

 

Die Hermeneutik stellt sicher, dass man gewissermaßen im Gespräch mit dem Text bleibt und der einem hilft, auf dem richtigen Weg zu bleiben.

 

Auf dieser Seite stellen wir beide Methoden vor.

Geheimtipp Nr. 1: „Induktiv“ vorgehen spart Zeit, ist sicher und macht dem Leser Freude

 

Es ist tatsächlich so, es gibt eine Vorgehensweise, die gleich drei Vorteile hat. „Induktiv“ bedeutet, dass man von „unten nach oben“ interpretiert. Das heißt: Man folgt einfach seinen Beobachtungen, entwickelt daraus Vermutungen, sichert die ab und kommt erst dann zu möglichst überzeugenden Schlussfolgerungen.

Das Gegenstück dazu heißt „deduktiv“, dabei beginnt man seine Darstellung gleich mit einer End-These und begründet diese anschließend.

Dabei kann einiges schiefgehen, deshalb unser Vorschlag, immer induktiv vorzugehen.

 

Vorteil Nr. 1: Zeit sparen

Man muss das Gedicht nicht gleich von ganz verstanden haben, sondern arbeitet sich Schritt für Schritt zu einem immer besseren Verständnis vor. Wir haben das übrigens überall bei unseren Interpretationen in diesem Buch gemacht. Das heißt: Man kommt nicht in die Situation, erst mal stundenlang über die „richtige“ Interpretation nachzudenken – und dann hat man keine Zeit mehr zum Schreiben – und ganz am Ende merkt man auch noch, dass man etwas falsch verstanden hat.

Stattdessen geht man wie ein Kommissar an einem Tatort vor, betrachtet nacheinander alle Einzel-Elemente – bei einem Gedicht am besten in der Reihenfolge der Verszeilen – und dabei wird immer klarer, worauf der Text hinausläuft.

 

Vorteil Nr. 2: Sicherheit gewinnen

Das eben beschriebene Verfahren führt auch dazu, dass man wenig schnell auf einen Holzweg gerät. Darunter versteht man ja einen Weg in einem dichten Wald, dem man lange folgt – und dann stellt man fest, dass es eine Sackgasse ist und man muss wieder zurück.

Beim induktiven Verfahren muss man eine Interpretation nicht gleich mit einer abschließenden These beginnen, sondern arbeitet sich langsam, Schritt für Schritt zu ihr vor.

Das passt natürlich auch überhaupt besser zur Situation von Schülern, die im Unterschied zu Fachleuten nicht schon über ein gigantisches Wissen und Verständnis verfügen und bei jedem neuen Gedicht ziemlich schnell zu einem Urteil kommen können.

 

Vorteil Nr. 3: Es dem Leser leicht machen

Das induktive Verfahren hat auch noch den Vorteil, dass der Leser all das gut nachvollziehen kann, was ihm in der fertigen Interpretation präsentiert wird. Er wird nicht mit dem Ende einer langen Überlegung konfrontiert, sondern wird vom Interpreten gewissermaßen an die Hand genommen und langsam zum gemeinsamen Verständnisziel geführt.

 

Geheimtipp Nr. 2: Hermeneutik

 

Der zweite Geheimtipp hängt mit dem ersten zusammen und bedeutet nur, dass man sich immer wieder am Text orientiert und von dort aus seine Überlegungen präzisiert oder auch korrigiert.

 

Wir machen das mal an einem Alltagsbeispiel deutlich: Wenn man am Wochenende zum ersten Mal jemanden besucht, der eine Fete gibt, dann hat man beim Reinkommen gleich einen ersten Eindruck. Die Hermeneutiker nennen das das „Vorverständnis“. Das könnte zum Beispiel lauten: „Anscheinend fast keine Leute in meinem Alter– bin ich hier auf dem falschen Dampfer?“

 

Dieses Vorverständnis wird dann wieder überprüft, indem man weitere Eindrücke sammelt: Man sieht zum Beispiel in der Ecke jemanden, der auch neu zu sein scheint und setzt sich dazu. Es wird interessanter und man fühlt sich wohler.

 

Dann ergibt sich auch noch ein immer netteres Gespräch. Es läuft immer besser. Man hat vielleicht sogar den Eindruck, daraus könnte mehr werden.

 

Dann aber gibt es plötzlich eine Stelle, wo die andere Seite sehr abrupt, ja fast barsch reagiert. Schon glaubt man, das war es jetzt.

 

Man will schon gehen – da hört man ein „Sorry, aber ich bin an dem Punkt ziemlich empfindlich.“ Anschließend spricht man noch etwas mehr darüber und kann sich doch ganz gut verstehen.

 

Wenn man dann am Ende zufrieden und mit einer Telefonnummer und einigen Hoffnungen nach Hause geht, hat man etwas, was die Hermeneutiker „Horizontverschmelzung“ nennen, d.h. die eigene Ansicht stimmt weitgehend mit dem überein, was man vorgefunden hat.

 

Auf die Gedichtinterpretation übertragen bedeutet das, dass man auch mit einem Vorverständnis beginnt und das dann immer wieder am Text überprüft. Die Hermeneutiker sprechen davon, dass es zu einem „hermeneutischen Zirkel“ kommt, bei dem man wie bei einem Kreislauf immer wieder zwischen dem Objekt (dem Text) und dem Subjekt (dem Interpreten, also sich selbst) hin und herspringt. Dabei kommt man zu einem immer besseren Verständnis, bei dem man möglicherweise auch zwischendurch wieder etwas korrigieren muss.

Von daher wäre es eigentlich besser, von einer „hermeneutischen Spirale“ zu sprechen. Denn man bewegt sich ja hoffentlich nicht im Kreis, sondern kommt beim Immer-wieder-noch-mal-genau-Hingucken auch weiter.

 

Am Ende aber hat man die maximal mögliche Verschmelzung des Textes mit dem eigenen Verständnis und bekommt in einer Klausur die maximale Punktzahl.

 

Es dürfte deutlich geworden sein, dass induktives Vorgehen und hermeneutisches Verfahren gewissermaßen die beiden Säulen des Erfolgs beim Interpretieren sind.

 

Aktueller Tipp:

In unserem "Register" wird alphabetisch alles aufgeführt, was wir haben - ist zwar noch im Aufbau, aber schon ganz nützlich. Einfach mal ausprobieren.

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