Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Interpretation des Gedichtes "Sachliche Romanze" von Erich Kästner

Formale Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um ein Gedicht von Erich Kästner aus dem Jahr 1928 mit dem Titel "Sachliche Romanze". Es besteht aus drei Strophen à vier Versen und einer abschließenden Strophe, die fünf Verse beinhaltet. In den ersten drei Strophen liegt ein Kreuzreim vor, die letzte Strophe hat das Reimschema a,b,a,a,b. Ein einheitliches Versmaß ist  nicht zu erkennen. Das Gedicht beginnt direkt mit dem Einstieg ins Thema, ohne nähere Einführung.

 

Sprachliche Analyse

Kästner verwendete eine sehr sachliche und realistische Sprache in seinem Gedicht. Er verzichtet auf Metaphern und Vergleiche, sondern beschreibt lediglich die Tatsachen. Aufgrund der Umgangssprache (Z. 2) und der wirklichkeitsgetreuen Darstellung übt das Gedicht einen besonderen Effekt aus: die Ernsthaftigkeit der Situation wird sehr klar und unverschlüsselt übertragen. Die häufig sehr kurz gehaltenen Sätze (s. Z. 8, 9, 12) lösen eine sehr melancholische Stimmung aus, da sie in knappen, aber präzisen Worten den Verfall der Liebe und das niedergeschlagenes Paar beschreiben.

Dennoch verzichtet Kästner nicht komplett auf den Einsatz sprachlicher Mittel. Er verwendet beispielsweise den elliptischen Satz „Wie andern Leuten ein Stock oder Hut“ (Z. 4), der wie ein Nachtrag des zuvor Beschriebenen wirkt. Zudem kann die Anapher „Sie“ zu Beginn der Zeilen 5, 13 und 16 gefunden werden. Dieser gleiche Satzanfang trägt weiter zu einer sachlichen Beschreibung der Lage bei. Kästner verwendet außerdem Ironie in seinem Titel des Gedichts „Sachliche Romanze“. Da eine Romanze eigentlich emotional und romantisch sein müsste, spielt der Dichter hier mit diesem Oxymoron.

 

Interpretation

Die erste Strophe

Das Gedicht beginnt in einem ruhigen Ton, obwohl es sich um einen äußerst schmerzhaften Vorgang handelt –. Bei näherem Hinsehen liegt eine starke Dissonanz vor zwischen dem eigentlichen, traurigen Vorgang und der Beiläufigkeit, mit der darüber gesprochen wird. In gewisser Weise könnte man sagen, die Romanze ist das, was einmal war – und das Sachliche ist die Gegenwart: So sieht Kästners Meinung nach eine Liebe aus, wenn der Alltag das Besondere undAufregende abgeschliffen hat.

Es entsteht ein ungeheurer Ton, den Kästner hier anschlägt, wenn er die Liebe zwischen zwei Menschen mit alltäglichen Gegenständen vergleicht. Zugleich bringt er seine Botschaft auf unnachahmliche Art und Weise auf den Punkt,: Die Liebe verflüchtigt sich und kommt einem „abhanden“ – wie man auch sonst etwas verliert. In der Regel merkt man es zunächst nicht, kommt die Einsicht vielleicht erst in einer besonderen Situation, etwa, wenn man einen neuen möglichen Partner kennen lernt.

Wichtig hervorzuheben ist auch die zweite Zeile, der Hinweis auf die Dauer der Beziehung: Kästner bleibt hier im Rahmen der allgemeinen Erfahrung, die sich ja in der Wendung vom „verflixten 7. Jahr“ verdichtet hat Das zunächst unpassend erscheinende Wort „plötzlich“ in Zeile 3 kann in diesem Zusammenhang am besten so erklärt werden, dass die Liebe nicht abrupt abhanden gekommen ist, sondern der Zeitpunkt der Erkenntnis plötzlich für das Paar eingetreten ist.

 

Die zweite Strophe

Die zweite Strophe beschreibt die Reaktion der beiden ehemals Liebenden: Sie behalten die äußere Form bei, während sie sich innerlich längst verändert haben und leiden. Sie sehen sich zwar noch an, aber das hilft ihnen in keiner Weise, denn sie haben keine Lösung für ihre Probleme.

Das Ende der Strophe zeigt dann eine Situation, die dem Bild von Mann und Frau im Rahmen ihrer Rollenklischees (die zu Kästners Zeit natürlich noch fester waren als heute!) entspricht: Die Frau weint, der Mann versucht, Haltung zu bewahren – eine Haltung, die aber nur ein Sich-Entziehen ist .

 

Die dritte Strophe

In der dritten Strophe verlässt der Sprecher das traurige Innenleben dieser Beziehung. Stattdessen wendet er sich der Umgebung zu, die natürlich einen Kontrast bildet, denn dort nimmt das Leben ganz normal seinen Lauf. Jetzt ist es der Mann, der aus der Starrheit ausbricht, aber nicht in der Weise, dass er Situation des Paares thematisieren würde, sondern nur mit dem einfachen Hinweis auf die Zeit und die Gewohnheit. Dennoch wird dieser Gedanke vom Dichter nicht weiter aufgegriffen, sondern er wendet sich wieder der Außenwelt zu – diesmal ist es ein Klavierspieler im Nachbarzimmer oder Nachbarhaus.

 

Die vierte Strophe

Offensichtlich geht die Frau auf den Vorschlag zum Kaffeetrinken ein, vielleicht erhofft sie sich doch noch ein klärendes Gespräch, eine Rückkehr ihrer alten Liebe: Aber die zweite Zeile der vierten Strophe zerschlägt diese Hoffnung– das Paar sitzt schweigend nebeneinander, nur durch einfachste Alltagstätigkeiten verbunden, die nichts mit ihren ursprünglichen Gemeinsamkeit zu tun haben: Jeder rührt in seiner Tasse. Man könnte auch unter völlig fremden Menschen sitzen.

Deutlicher kann man das Problem dieser beiden Ex-Liebenden nicht beschreiben: Sie sind allein, obwohl sie noch zu zweit an einem Tisch sitzen, sie sprechen nicht miteinander, d.h. sie versuchen nicht einmal, eine Erklärung zu finden – und das können sie auch gar nicht, wie die letzte Zeile zeigt. Diese steht in deutlichem Kontrast zur Ausgangssituation: Hier gibt es keine Leichtigkeit des Tons mehr, zwar herrscht immer noch Sachlichkeit, aber nicht die provozierende Nüchternheit der ersten Strophe.

 

Zusammenfassung

Dieses Gedicht zeigt eine ganz alltägliche Situation, die jedem Liebespaar zustoßen kann.. Aber gezeigt wird diese Situation auf eine einmalige Weise, indem über die frühere „Romanze“, was hier wohl für Liebe steht, in einem, provozierend sachlichen Ton gesprochen wird.

Die Frage ist, welche Haltung der Sprecher und letztlich Kästner selbst gegenüber dem Geschehen einnimmt, ob es wirklich unpersönliche Distanz ist oder nicht vielmehr eine allgemein menschliche Trauer, auch wenn sie einfach auf der Beschreibungsebene bleibt.

Hier kann eine Bemerkung zum Autor weiter helfen: Kästner glaubte an das Mitleid als den höchsten moralischen Wert – und man kann dieses Mitleid durchaus in diesem Gedicht erkennen.. Kästner erhebt sich nicht über die vom Unglück Betroffenen, fast hält er schonende Distanz.

Die Idee von der Allgemeingültigkeit des Vorgangs wird dadurch unterstützt, dass Kästner im Gedicht einfach „sie“ sagt, wenn es um die beiden Unglücklichen geht – damit stehen sie stellvertretend für die Vielen, denen es genauso geht. Das Gedicht bekommt eine gewisse parabolische Bedeutung, d.h. wie in einer Parabel wird eine Geschichte erzählt, die - auf das Wesentliche reduziert – eine allgemeine Aussage macht. Man verlässt dieses Gedicht klüger, als man hineingeraten ist, aber auch trauriger, vielleicht auch etwas wachsamer in seinem eigenen Handeln.

 

Noch ein kleiner Nachtrag zum Begriff der „Sachlichkeit“

Die Zeit der Weimarer Republik, in der dieses Gedicht entstanden ist (um 1928), enthält auch eine literarische Strömung, die man „neue Sachlichkeit“ nennt: Diese Literatur bedeutete eine Art gereimte Prosa, Journalismus in Versen, bzw. Lebenshilfe in Gedichten. Zwar bekommt man nicht viel Hilfe in diesem Gedicht, aber man erfährt viel über das Leben– und das in einer provozierend einfachen Sprache, die viele Menschen damals als auch heute erreicht.

 

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