Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Rilke, "Der Panther" im Vergleich mit einem ähnlichen Gedicht von Wolfenstein

Rilkes „Panther“ ist eines der berühmtesten Gedichte, welches fast jeder Schüler kennt.

Diese Seite stellt es formal wie inhaltlich vor und gibt wertvolle Hinweise zum Umfeld.

 

Außerdem stellt es ein motivgleiches Gedicht von Wolfenstein daneben, an dem sehr schön Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden können.

Rainer Maria Rilke

 

Der Panther

        

         Im Jardin des Plantes, Paris

        

I        Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

         so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

         Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

         und hinter tausend Stäben keine Welt.

        

II       Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

         der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

         ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

         in der betäubt ein großer Wille steht.

        

III     Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

         sich lautlos auf ‑. Dann geht ein Bild hinein,

         geht durch der Glieder angespannte Stille ‑

         und hört im Herzen auf zu sein.

 

Hinweise zur Interpretation dieses Gedichtes

 

  • Dieses berühmte Gedicht Rilkes besteht aus drei Strophen in fünfhebigen Jamben, die jeweils einen Kreuzreim enthalten.
     
  • Die erste Strophe des Gedichtes be­stimmt sogleich einen sehr eigentümlichen Blickwinkel, der ähnlich wie bei der erlebten Rede eigentlich zwei Perspektiven in sich aufnimmt: Der Betrachter vor dem Käfig bleibt als Beobachtender zwar formal erkennbar, aber er hat sich in das beobachtete Tier so eingefühlt, dass er es gleichsam aus dessen in­nerer Befindlichkeit heraus darstellen kann. Dies wird besonders gut am »Vorübergehn der Stäbe« deutlich, denn das wäre als Beobachtung eines vor dem Gitter stehenden Zoobesuchers wohl kaum denkbar, Ähnliches gilt für die Erfahrung der Zahl­losigkeit der (»tausend«) Stäbe.
     
  • Die dreimalige Wiederholung des Wortes „Stäbe“, seine Hervorhebung durch Stellung und Reim machen es zum Leitwort dieser Strophe. Das ständige »Vorübergehen« bringt eine Irritation der Wahrnehmungsfähigkeit mit sich, eine Art opti­scher Täuschung, die aufgrund der Unaufhörlichkeit schließlich den Blick ermüdet, so dass er »nichts mehr hält«, die dahinterliegende (eigentliche) Welt also nicht mehr erfassen kann.
     
  • Bei der zweiten Strophe hat man zunächst den Eindruck eines parallelen Aufbaus: Während es in der ersten Strophe um den Blick des Tieres ging, geht es jetzt um den Gang. Tatsächlich gibt es auch hier die Beschränkung, des „allerkleinsten“ Kreises und die Betäubung. Aber insgesamt verschieben sich die Dinge in dieser Strophe doch kurzzeitig stärker in Richtung Kraft und Natürlichkeit: Der „weiche Gang“ ist nämlich noch vorhanden – und es sind „starke Schritte“, die man sieht, fast spürt: Vor allem aber erlebt man einen „Tanz von Kraft um eine Mitte“ und immerhin die fernen Auswirkungen eines „großen Willens“.
     
  • Die dritte Strophe scheint noch stärker in die Richtung zu gehen, dass hier noch urtümliche, urwüchsige Kraft vorhanden ist, denn aus dem ursprünglich müden Blick wird ein sich öffnendes Auge. Gespannt erwartet der Leser oder Hörer des Gedichtes, der es noch nicht kennt, etwas Überraschendes, vielleicht einen wilden Schrei. Aber das Gedicht endet dann dort, wo es angefangen hat: Es wird zwar ein neues, ein aktuelles Bild der Außenwelt aufgenommen, es geht durch den ganzen Körper und seine Anspannung (also ist nicht nur der Leser gespannt, diese wird auch dem Tier zugeschrieben, das ja eigentlich auf Jagd und Verfolgung ausgerichtet ist!) – aber am Ende steht eine Art Verlöschen, wobei die Verwendung des Begriffs „Herz“ sehr viel Sympathie des Sprechers deutlich werden lässt.
     
  • Insgesamt ist es ein Gedicht, das vor allem vom Kontrast zwischen dem Möglichen und dem Realen lebt: Dieses Tier hat noch alles, was zum Lebewesen der freien Wildbahn, der ursprünglichen Schöpfung gehört, aber es lebt – wie der Untertitel betont, „im Jardin des Plantes, Paris“, d.h. in einer fremden Kunstwelt. Geschildert werden die Folgen der Gefangenschaft: auf der einen Seite aufkommende Müdigkeit, auf der anderen Seite Restzustände von Kraft. Höhepunkt des Gedichts ist sicher die dritte Strophe, wo gewissermaßen die beiden Welten direkt aufeinandertreffen, ohne aber einen Blitz oder Funken auszulösen, stattdessen wird nur ein Bild auf die Reise geschickt und verlischt schließlich, wie auch der Blick müde geworden ist und schließlich das ganze Tier „verendet“.
  • Deutlich erkennbar sind bei aller »Sachlichkeit« Einfühlsamkeit und sogar Mitgefühl. Besonders in der zweiten Strophe drückt sich, etwa in dem Gegensatz zwischen dem »allerkleinsten Kreis« und dem »große(n) Wille(n)« oder in der Vorstellung von der Betäubung des Willens, der Vergeblichkeit »starker Schritte« in einer nicht mehr erfassbaren Welt, wohl auch die eigene leidvolle Erfahrung der lähmenden Orientierungslosig­keit des Menschen nach der Jahrhundertwende aus ‑ ein charakteri­stisches Thema der Zeit, in der Rilke lebte.

 

Ein motivgleiches Gedicht von Alfred Wolfenstein        

 

Alfred Wolfenstein

        

         Tiger

        

I        Die große Sonne scheint in seine Zelle

         Und zieht auf seinem bunt gestreiften Felle

         Noch andre Striche: schwarzer Stäbe Schatten.

        

II       Er blinzt hinauf mit wütendem Verlangen:

         Das Licht durchbricht doch die zerbissnen Stangen!

         Es legt sich innen zu ihm auf die Matten!

        

III     Kann sich die Sonne nicht mit ihm zusammen

         Aufs Gitter werfen? Schmelzen heiße Flammen

         Aus ihrer beider Rachen nicht die Platten?

        

IV     Die Sonne ist nicht heiß, wie er sie kannte,

         Als sie im fernen freien Himmel brannte –

         Auch sie gefangen, malt hier Kerkerschatten.

 

Anmerkungen zu diesem Gedicht

 

  • Das Gedicht von Wolfenstein kann in vielerlei Hinsicht als Gegen­stück zu Rilkes "Panther" gesehen werden. Zunächst einmal sind es zwei Gedichte, die gewissermaßen das gleiche Thema haben, aber es zeigen sich in der Ausgestaltung deutliche Unterschiede. Dabei kann man feststellen, dass in beiden Fällen jeweils die besondere Befindlichkeit des Verfassers widergespiegelt wird. Bei Rilke stehen Melancholie und Resignation im Vordergrund, bei Wolfenstein unverkenn­bar die Zeichen der Rebellion: „zerbissne Stangen“, „aufs Gitter werfen“ und die Fra­ge, ob nicht, im Verein mit der Sonne, dem Tiger der Ausbruch gelänge. Und schließlich wird sogar die Sonne als Gefan­gene angesehen.
  • Schaut man sich das Gedicht im Einzelnen an, so handelt es sich zunächst einmal um vier Strophen (im Gegensatz zu den dreien bei Rilke!) mit fünfhebigen Jamben und dem Reimschema aab, ccd usw.
  • Das Gedicht beginnt bezeichnenderweise nicht mit dem Tier, sondern mit der Sonne, also jener Instanz, die in seiner wilden Heimat genauso zugegen war wie jetzt in seiner „Zelle“. Auf ähnlich beeindruckende Art und Weise wie bei Rilke werden auch hier die Folgen der Gefangenschaft gezeigt: hier sind es die Schatten der Stäbe, die gewissermaßen zusätzlich zu den anderen Färbungen in sein Fell gebrannt werden.
  • Nach der Aktion der Sonne kommt in der zweiten Strophe die Reaktion des Tieres: Es verhält sich, wie man es von einem wilden Tier erwartet, es „blinzt hinaus mit wütendem Verlangen“, wobei dies sich sicherlich auf Freiheit und natürliche Verhaltensmöglichkeiten richtet. Die zweite Zeile kann verstanden werden als Ansatz von fast menschlichem Denken: Wenn das Licht die Stangen durchbrechen kann, warum dann nicht auch ich? Die Sonne und das Tier werden im Übergang von Strophe II zu Strophe III zum Partner, zumindest in der Wunschvorstellung des Tieres, in dem so kurzzeitig Hoffnung auf einen gemeinsamen Ausbruch aufkeimt.
  • Die letzte Strophe dann bringt den zweiten Teil der Erkenntnis: Diese Sonne hier ist nicht die Sonne seiner Heimat, sie ist nicht heiß genug für einen Ausbruch – interpretiert wird das aus der Sicht des Tieres so, dass nun auch die Sonne eine Gefangene ist. Vielleicht kann man das so verstehen, dass das Tier auf diese Weise zu einer Art innerem Frieden gelangt, indem es nun nicht mehr allein in diesem Kerker ist, aber das letzte Wort des Gedichts bleibt in diesem wenig tröstenden Umfeld: „Kerkerschatten“ – aber immerhin „malt“ sie hier, so dass doch ein bisschen „Schwebe“ am Ende bleibt.
  • Insgesamt ein Gedicht, das das Tier sehr viel stärker als wildes Tier zeichnet, das allerdings auch menschenähnliche Züge trägt, es scheint zu denken und zu fühlen – also hier ein ähnlicher Ansatz der Verschmelzung der Perspektiven wie bei Rilke. In diesem Gedicht geht es aber viel weniger um die Darstellung der Reste von wilder Existenz in einem Tierpark oder Zoo, sondern hier geht es um Widerstand, um die Idee des Ausbruchs – zu dem kommt es zwar am Ende nicht, aber das „wütende Verlangen“ war zumindest da, die Stangen werden „zerbissen“, wenn auch nicht ganz. Hier also Auflehnung, wenn auch letztlich ohne Erfolg, bei Rilke dagegen eher die Ergebnisse einer langen Gefangenschaft, nämlich Müdigkeit und Betäubung.

Hinweis auf ein weiteres Gedicht: Sarah Kirsch, Trauriger Tag

Das Gedicht von Sarah Kirsche ist u.a. hier zu finden und lässt sich sehr gut im gleichen Zusammenhang behandeln – nur dass es das Bild des wilden Tieres als Metapher nimmt und für das Selbstverständnis des Menschen nutzt, der sich in einer vergleichbaren Situation befinde.

 

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