Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Sarah Kirsch, "Trauriger Tag" – Interpretation eines Gedichtes, das an Rilkes „Der Panther“ erinnert

Wer kennt nicht Rilkes Gedicht „Der Panther“, in dem es um die Darstellung der Situation eines wilden Tiers in Gefangenschaft geht.

An dieses Gedicht wird man erinnert, wenn man das Gedicht „Trauriger Tag“ von Sarah Kirsch liest.

Dieses lässt sich aber auch ohne den direkten Bezug zu Rilke sehr gut ab Klasse 8 behandeln, weil es die Traurigkeit eines Menschen, aber auch seine starke Sehnsucht nach Gemeinschaft und einem anderen Leben zeigt.

Diese Seite präsentiert Aufgaben für eine Klassenarbeit. Dabei wird das Verfahren des hermeneutischen Zirkels genutzt – dies kann man aber auch weglassen.

Das Gedicht selbst ist zum Beispiel hier zu finden.

Aufgabe:

  1. Stelle kurz das Verfahren des hermeneutischen Zirkels dar!
  2. Wende dieses Verfahren an, um das vorliegende Gedicht zu verstehen!

 

Musterlösung

 

Aufgabe 1: Stelle kurz das Verfahren des hermeneutischen Zirkels dar!

Unter dem „hermeneutischen Zirkel“ versteht man eine Methode, bei der man einen schwierigen Text nach und nach versteht. Zunächst verschafft man sich einen ersten Eindruck, ein Vorverständnis, dieses präzisiert oder korrigiert man dann, indem man den Text Stück für Stück durchgeht. Weil es sich um ein ständiges Hin und Her zwischen Leser und Text handelt, spricht man von einem Zirkel, obwohl es eigentlich eine Spirale ist, denn man kommt dabei ja zu einem immer besseren Verständnis, wenn man sorgfältig hinschaut. Dies alleine reicht allerdings nicht, man muss die Lücken, die jeder Text und insbesondere ein Gedicht hat, mit eigenen Erfahrungen und Ideen füllen.

Anmerkung::
Sehr gut und konzentriert wird hier das Prinzip des hermeneutischen Zirkels erklärt. Zugleich wird deutlich, dass gerade bei Gedichten immer auch etwas vom Leser hinzugefügt werden muss, um Verständnis zu ermöglichen.

 

Aufgabe 2: Anwendung des Verfahrens - Interpretation des Gedichtes

 

Erster Eindruck – die Überschrift (Vorverständnis)

Den ersten Eindruck bei dem vorliegenden Gedicht von Sarah Kirsch bekommt man durch die Überschrift: „Trauriger Tag“: Damit weiß man gleich, dass im Gedicht ein besonderer Tag beschrieben wird, der negative Empfindungen beim Sprecher und dann auch wohl beim Leser auslöst. Typisch für aktives Lesen und Verstehen ist, dass man sofort ganz persönliche Assoziationen hat, was an einem Tag einen traurig machen kann. Auch diese Ideen, hinter denen eigene Erfahrungen stecken, gehen in das Vorverständnis ein. Möglich wäre etwa, dass einem bei der Überschrift das Folgende einfällt: ein trüber Novembertag, ein Tag ohne Freunde, ein Tag, an dem etwas Schönes zu Ende geht, ein Tag, an dem man etwas verliert, was man liebt oder auch ein Tag, an dem man eine Niederlage hinnehmen muss.

 

Anmerkung:
Hier wird sehr gut das Vorverständnis herausgearbeitet und dabei auch gezeigt, welche Assoziationen des Lesers dabei einfließen können.

 

Die erste Zeile des Gedichtes

Nach diesem ersten Eindruck vom Gedicht beschäftigt man sich natürlich näher mit den ersten Zeilen: Dort ist man sicher ganz erstaunt, dass ein Tiger spricht. Man weiß erst einmal nicht, ob es sich wirklich um ein Tier handelt, dessen Gefühle und Erfahrungen präsentiert werden, oder ob sich hier ein Mensch als Tiger bezeichnet. Auf jeden Fall ist ein Tiger ein starkes und sehr gewandtes Tier. Was zum Titel passt, ist, dass dieser Tiger „im Regen“ steht – das kann man auch im übertragenen Sinne verstehen, dass er allein ist. Wenn man übrigens von Anfang an das ganze Gedicht schon einmal überflogen hat, dann hat man sicher gesehen, dass genau dieses Gefühl des Alleinseins in der letzten Strophe des Gedichtes noch einmal aufgenommen wird.

 

Anmerkung:
Besonders wertvoll ist hier, dass eine besondere Wendung („im Regen stehen lassen“) für das Verständnis genutzt wird. Außerdem wird eine Idee durch das Ende des Gedichtes abgesichert.

 

Der Rest der ersten Versgruppe

Zunächst aber wird in 1,2 und 1,3 die Lage dieses Tigers im Regen genauer geschildert, dabei entstehen eigentlich keine Verständnisschwierigkeiten, höchstens kann einem einfallen, dass die „Tropfen“ in Zeile 3 auch Tränen sein könnten, was zur Überschrift passt.

Anmerkung:
Auch hier werden Überlegungen eingefügt, die sich gut begründen lassen.

Die zweite Versgruppe

Die zweite Strophe passt ebenfalls zu dem bisher entstandenen Eindruck, denn „schlurfen“ ist eine Fortbewegungsart, die gut zu Müdigkeit und Traurigkeit passt. Stark ist die Zeile 2,3, denn dort wird alles in einem scheinbaren Gegensatz auf den Punkt gebracht: Dieser Tiger ist „abgebrannt“ – man kennt die Formulierung im Sinne von „kein Geld mehr haben“ – aber darin steckt eben auch, dass alles in ihm vernichtet ist, das Ganze ist „im Regen“ passiert, also dadurch, dass er allein gelassen wurde (siehe Zeile 1). Ein bisschen schwierig ist die Stelle mit dem Schleudern der Pfoten, vielleicht soll damit angedeutet werden, dass dieser Tiger nur durch die Umstände müde ist, in Wirklichkeit aber viel Kraft in ihm steckt, die er allerdings nur nicht wirklich nutzen kann oder will.

Anmerkung:
Hier wird das Vorverständnis fortlaufend erweitert, hinzu kommt das Element Müdigkeit, außerdem wird deutlich, wie grundsätzlich dieses Lebewesen „abgebrannt“ ist. Hier hätte man noch auf Versgruppe 5 mit den 7 Tagen verweisen können.

 

Versgruppe 3

Strophe 3 wird von Zeile zu Zeile schwieriger: „Ich hau mich durch“ klingt wie „ich schlag mich durch“ und dann weiß man, worum es geht. „Durch Autos bei Rot“ soll wohl bedeuten, dass er Blechschlangen in einer großen Stadt durchqueren muss – man hat fast den Eindruck, ähnlich wie beim Schlenkern schlägt dieser Tiger durchaus mal auf die eine oder andere Kühler- oder Kofferraumhaube – aber ohne wirkliche Absicht. Die zweite Zeile macht endgültig deutlich, dass es sich hier nicht um ein ausgebrochenes Zootier handelt, sondern ein Mensch es nur benutzt, um die eigene Situation darzustellen. Unter einem Magenbitter versteht man ja ein alkoholisches Getränk, das zur Beruhigung des Magens getrunken wird – auch das passt zu der Situation dieses Tiger-Menschen. Ganz hart wird es dann in Zeile 3,3, wo davon die Rede ist, dass das frustrierte Tier sogar die im Café spielende Kapelle frisst – das anschließende „und schaukle fort“ hängt dann wohl nicht nur mit dem Alkohol-Genuss zusammen, sondern auch damit, dass es jetzt einiges im Magen hat.

Anmerkung:
Sehr sorgfältig und gut nachvollziehbar werden die einzelnen Stationen erklärt. Dabei darf man auch einmal über das hinausgehen, was direkt im Text steht, wenn es zum besseren  Verständnis beiträgt. Außerdem wird die zunehmende Aggressivität des Tigers ja auch an anderen Stellen deutlich.

 

Versgruppe 4

Strophe 4 lässt dann den Tiger immer aktiver werden, er wird laut und empfindet dabei den Regen intensiver, dieser wird dabei für ihn „scharf“. Dann eine kurze Entspannung - der Blick schweift wieder umher und sieht, wie sich ein Hochhaus im Regen verändert. Die dritte Zeile verbindet beides, nämlich die Kraft und das Wilde, das im Tiger zu finden ist, und die Partygesprächsformulierung: „man tut, was man kann“, was eher eine bescheidende Zurücknahme eigener Ansprüche ist. Die Zurückhaltung wird noch durch die Klammer verstärkt.

Anmerkung:
Besonders gelungen ist hier die Erläuterung der Klammerbemerkung.

Die 5. Versgruppe

Die 5. Strophe zeigt, dass es schon länger regnet und der Sprecher dadurch zunehmend genervt ist, was ihn „böse“ werden lässt.

Die letzten Versgruppen

In der 6. Strophe ist es schon soweit, dass die Straße leer ist – in der Nähe dieses gewaltigen Tiers, das immer lauter und damit gefährlicher wird, hält es niemand aus – nur „ehrliche Möven“ bleiben. Man merkt hier, was der Sprecher will, Lebewesen, die offen und direkt sind, vielleicht Freunde werden können – allerdings passen Möven natürlich nicht sehr gut zu einem Tiger. Vor diesem Hintergrund versteht man auch die 7. Strophe – die Möven schauen nämlich weg. Dies tun sie aber nicht aus Desinteresse oder Angst, sondern aus dem Verständnis heraus, dass dieser Tiger nichts will, als nicht mehr allein im Regen zu sein, was die letzte Strophe ausdrückt.

Anmerkung:
Besonders der Schluss ist schwierig, aber zugleich wichtig für das Verständnis dieses Gedichtes. Sehr gut ist hier, dass sehr sorgfältig auf die Möwen eingegangen worden ist. Dadurch wurde es möglich, ihr kompliziertes Verhältnis zum Tiger gut zu erklären.

 

Didaktische Anregung:

Wer das Gedicht „Der Panther“ von Rilke kennt, wird sicher beim Lesen dieses Gedichtes auch daran denken. Zwar beschreibt Rilke einen wirklichen Panther und seine Situation in Gefangenschaft, aber Sarah Kirschs Sprecher ist in gewisser Weise auch gefangen, wenn auch in Traurigkeit und Einsamkeit. Auf jeden Fall eine lohnende Idee, die Gedichte zusammen zu behandeln.

 

Eine Interpretation des Gedichtes von Rilke findet sich hier..

Dort gibt es auch noch Hinweise auf das ähnliche Gedicht "Tiger" von Wolfenstein.

 

          Der Panther

         

          Im Jardin des Plantes, Paris

         

I        Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

          so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

          Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

          und hinter tausend Stäben keine Welt.

         

II       Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

          der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

          ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

          in der betäubt ein großer Wille steht.

         

III     Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

          sich lautlos auf ‑. Dann geht ein Bild hinein,

          geht durch der Glieder angespannte Stille ‑

          und hört im Herzen auf zu sein.

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