Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Schnell durchblicken: Georg Heym, Der Gott der Stadt

Was wir hier bieten:

 

In diesem Projekt bieten wir nicht einfach fertige Interpretationen an.

Die helfen Schülern nämlich nicht weiter, wenn sie selbst lernen wollen, mit Gedichten umzugehen.

 

Stattdessen zeigen wir die einzelnen Schritte, mit denen man sich schnell und sicher dem Verständnis eines Gedichtes nähert.

 

Einfach nachvollziehen - und dann beim nächsten Gedicht selbst mal probieren.

 

Viel Erfolg!

 

 

Text in der Ausgangsfassung:

 

Am besten versucht man erst mal, selbst auffallende Elemente zu entdecken und sich darauf einen "Reim zu machen".

 

Weiter unten präsentieren wir dann eine Fassung, in der wir mit verschiedenen Farben auf zwei wichtige Bereiche des Gedichtes aufmerksam machen.

 

Georg Heym

 

Der Gott der Stadt

 

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.

Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.

Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit

Die letzten Häuser in das Land verirrn.

 

(5) Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,

Die großen Städte knieen um ihn her.

Der Kirchenglocken ungeheure Zahl

Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

 

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik

(10) Der Millionen durch die Straßen laut.

Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik

Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

 

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.

Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.

(15) Die Stürme flattern, die wie Geier schauen

Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

 

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.

Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt

Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust

(20) Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

 

Erläuterung der Farbmarkierungen:

Sehr schnell fällt einem auf, dass hier vor allem ein gefährliches Wesen vorgestellt wird - wie der Titel es auch schon andeutet.

Dementsprechend haben wir für alle Textelemente, die in diese Richtung gehen, die Farbe "grau" gewählt.

 

Der zweite Bereich ist der der Menschen, wie sie auf die Bedrohung reagieren - hier haben wir die Farbe gelb gewählt.

 

Ggf. hätte man bei der Farbe "grau" noch unterscheiden können zwischen der Ebene der Bedrohung und der der Zerstörung.

 

Aber uns kommt es hier ja nicht auf fertige Lösungen an, sondern auf Sensibilisierung, so dass man bei einem anderen Gedicht schnell selbst auf hilfreiche "Interpretations-Schritte" kommt.

So könnte man an die Details des Gedichts rangehen:

  1. Erst mal könnte man darüber nachdenken, was die Überschrift auslöst: Es geht um etwas Großes, Übermächtiges - und das in einem Gebiet mit vielen Menschen.
  2. Die erste Strophe bietet dann aber kein Bild, vor dem man Achtung hat, das man vielleicht sogar anhimmelt, sondern etwas Massives, Bedrohliches.
  3. In der zweiten und dritten Strophe geht es dann um das Verhältnis der Menschen zu diesem Ungeheuer. "Baal" und "Korybanten" muss man kurz nachschlagen - bei einer Klausur oder Klassenarbeit müssten diese Begriffe ggf. mitgeliefert werden:
    Baal = aus Sicht der Juden und Christen heidnische Götter im alten Orient
    Korybanten = wilde Begleittänzer einer anderen heidnischen Gottheit aus dieser Zeit, verbunden mit Orgien.
    Entscheidend ist, dass sich die Menschen diesem "Gott der Stadt" bedingungslos unterwerfen.
  4. Die vierte Strophe wendet sich dann wieder dem Gott-Ungeheuer zu, macht seine Gefährlichkeit deutlich, die sich "im Zorne" äußert.
  5. Die Schluss-Strophe bietet pure Aggression, die am Ende auf Vernichtung hinausläuft.

     
  6. Dies nur als "Erste Hilfe" - Wer mehr möchte, wendet sich am besten über das Kontaktformular an die Autoren - die stürzen sich dann so schnell wie möglich auf die Fragen, die gestellt werden.

CLEMENS HESELHAUS, Deutsche Lyrik der Moderne von Nietzsche bis Yvan Goll. Die Rückkehr zur Bildlichkeit der Sprache, AUGUST BAGEL VERLAG: DÜSSELDORF 1961

S. 184/185

Dort finden sich die folgenden interessanten Infos und Impulse:

  1. Hinweis darauf, dass das Gedicht aus mehreren Einzelbildern besteht, die einen Gesamteindruck verschaffen (Phänomen der "Simultaneität"). Dagegen spricht allerdings, dass es am Ende eine negative Auflösung gibt, nämlich den Beginn der eigentlichen Katastrophe.
  2. Was den "Gott" angeht, ist Heselhaus der Meinung, dass es sich um nichts Mythologisches handelt, sondern es sich vielmehr um eine "'poetische' Darstellung von atmosphärischen Erscheinungen über der Stadt" (184) - handelt. Dabei wird ein ganzer Tag bis zum nächsten Morgen erfasst.
  3. Insgesamt sei das Gedicht nichts anderes als eine "hyperbolische Metapher", "um das Verhängnis, das über modernen Städten schwebt, in einer Illustration sichtbar zu machen" (184).
  4. Was die religiösen Bezüge angeht, sieht Heselhaus Unstimmigkeiten, etwa die Verbindung des Baal-Kultes mit Kirchenglocken (vgl. 185).
  5. Dabei wird der Begriff der "Halluzinationen" verwendet - mit Blick auf den französischen Dichter Rimbaud, der ebenfalls keine Probleme hat, das, was er sieht, auch mit scheinbar abwegigen, aber beeindruckenden Assoziations-Bildern zu verbinden.

Wer als Lehrer seine Schüler nicht mit dieser Untergangs-Fantasie alleinlassen möchte, könnte die letzte Strophe durch eine andere, "postivere" ersetzen lassen.

 

Zum Beispiel könnte man ansetzen an dem fehlenden Widerstandsgeist der Menschen in diesem Gedicht.

Wieso kann nicht einer diesen Massenwahn unterbrechen - so wie Le Bon es als Lösung in seiner Beschreibung der Massenpsychologie beschreibt.

 

Liefern wir doch einfach mal ein paar Zeilen als Start-Impuls:

 

Doch was ist das, der Schlote Rauch, er ebbt jetzt ab.

Auch die Musik, sie schweigt ganz plötzlich.

Und langsam hebt sich - Kopf für Kopf - der Menschen große Schar.

Und was ist mit dem Gott? Ganz langsam weicht die Luft aus ihm.

usw.

 

 

 

 

#191167090159# - Seitenzugriffe ab Aktualisierungsdatum

Aktueller Tipp:

In unserem "Register" wird alphabetisch alles aufgeführt, was wir haben - ist zwar noch im Aufbau, aber schon ganz nützlich. Einfach mal ausprobieren.

Kurz vor dem schriftlichen Abitur oder auch normalen Klausuren ist noch mal Endspurt angesagt. Dies E-Book hilft dabei. Zu bekommen ist es zum Beispiel hier.

<< Neues Textfeld >>

Zur Entspannung vor den Sommerferien - oder auch in der Vertretungsstunde:

Das ideale Quiz für den Deutschunterricht gibt es hier!

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Schnell durchblicken - So einfach kann es gehen - Impressum