Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Schnell durchblicken: Heym, Frühjahr

Das "Gespräch" mit dem Text - der Weg zur sicheren Interpretation:

 

Nichts fürchten Schüler mehr bei Gedichten als eine falsche Interpretation. Da glaubt man, alles verstanden zu haben, und dann hört man, dass andere es ganz anders verstanden haben - und am Ende haben sie auch noch Recht.

 

Wir zeigen, wie sich langsam ein Verständnis aufbaut, das immer wieder überprüft wird, sich dabei auch ändert und schließlich sicher ins Ziel kommt.

 

Man nennt das übrigens den "hermeneutischen Zirkel", d.h. ein ständiges Hin- und Her zwischen Leser und Text.

 

Man kann das auch wie ein Gespräch mit dem Gedicht verstehen, bei dem es zwar immer die gleichen Antworten gibt - aber unsere Beobachtungen, Einfälle und auch Fragen legen doch immer wieder neue Facetten frei.

Georg Heym

 

Frühjahr

 

 

Die Winde bringen einen schwarzen Abend.

Die Wege zittern mit den kalten Bäumen

Und in der leeren Flächen später Öde

Die Wolken rollen auf die Horizonte.

 

Der Wind und Sturm ist ewig in der Weite,

Nur spärlich, daß ein Sämann schon beschreitet

Das ferne Land, und schwer den Samen streuet,

Den keine Frucht in toten Sommern freuet.

 

Die Wälder aber müssen sich zerbrechen

Mit grauen Wipfeln in den Wind gehoben,

Die quellenlosen, in der langen Schwäche

Und nicht mehr steigt das Blut in ihren Ästen.

 

Der März ist traurig. Und die Tage schwanken

Voll Licht und Dunkel auf der stummen Erde.

Die Ströme aber und die Berge decket

Der Regenschild. Und alles ist verhangen.

 

Die Vögel aber werden nicht mehr kommen.

Leer wird das Schilf und seine Ufer bleiben,

Und große Kähne in der Sommerstille

In grüner Hügel toten Schatten treiben.

Erste Beobachtungen und Anmerkungen direkt am Text

Erläuterung der "Färbungen" und Kommentare

  1. Der Titel weckt positive Erwartungen.
  2. Die dann in der ersten Strophe ins Negative gewendet werden.
  3. Die zweite Strophe verstärkt das dann durch einen negativen Ausblick auf die Ernte.
  4. Die dritte Strophe weitet den Blick auf die gesamte Natur.
  5. Die vierte Strophe fasst alles Negative noch einmal im Kontrast zum Titel zusammen.
  6. Die letzte Strophe zeigt dann eine negative Zukunft.
  7. Braun sind Stellen markiert, die eindeutig negativ sind.
  8. Gelb sind Stellen mit unklarem Potenzial, was positiv und negativ angeht.
  9. Grün markiert wurden Elemente, die eher ins Positive gehen.
  10. Es gibt keinen Endreim, das Versmaß ist ein Jambus (Wechsel von unbetont - betont)
  11. In jeder Zeile gibt es fünf Hebungen.
  12. Die Versschlüsse sind einheitlich weiblich, d.h. sie enden auf einer unbetonten Silbe - wie die französischen Verben.

Georg Heym

 

Frühjahr

 

 

(1) Die Winde bringen einen schwarzen Abend.

  • Das Gedicht beginnt mit der Veränderung einer Situation, verbunden mit eher unangenehmen Erwartungen.

(2) Die Wege zittern mit den kalten Bäumen

  • Verstärkt wird das noch durch eine Personifizierung, die negative Auswirkungen verdeutlicht, wobei diese von der Wirkung von Kälte durchaus übergehen zu etwas wie Angst, Schwäche.
  • Dazu das künstlerische Mittel des Parallelismus.

(3) Und in der leeren Flächen später Öde

  • Diese Verszeile macht erstmals etwas größere Schwierigkeiten, weil sie nicht einfach zuzuordnen ist. Am ehesten bekommt sie noch Sinn, wenn man sie mit der vorhergehenden verbindet. Zur Kälte kommt dann als Problem noch die Leere hinzu. Man assoziiert Trostlosigkeit.

(4) Die Wolken rollen auf die Horizonte.

  • Diese Zeile lässt sich am ehesten wieder mit der ersten verbinden, indem man diesen Hinweis als Folge der aufkommenden Winde ansieht. Irritierend ist der Plural beim Wort „Horizonte“. Man kann ihn aber verstehen, wenn man sich vorstellt, dass der Sprecher beziehungsweise das lyrische Ich um sich herum blickt und dabei das Gefühl von mehreren Horizonten hat.

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(5) Der Wind und Sturm ist ewig in der Weite,

  • Hier löst sich der Sprecher von seiner direkten Umgebung und verallgemeinert seine Eindrücke ins Unermessliche.

(6) Nur spärlich, dass ein Sämann schon beschreitet

  • Auch hier ist der Anfang syntaktisch wieder etwas schwierig. Man kann die ersten beiden Wörter so verstehen, dass der Sprecher meint, dass es nur wenig Hoffnung gibt, und die beschreibt er dann anschließend in  ihrer Begrenztheit: Es wird zwar ausgesät, aber es gibt keine Früchte, die wärmsten Monate bringen kein Leben hervor.

(7) Das ferne Land, und schwer den Samen streuet,

  • s.o.
  •  

(8) Den keine Frucht in toten Sommern freuet.

  • s.o.

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(9) Die Wälder aber müssen sich zerbrechen

  • Hier wird das Element der Bäume aus der Verszeile 2 wieder aufgenommen. Man kann sich den Hinweis so vorstellen, dass das, was schon gewachsen ist, auch keine Chance hat zu überleben.

(10) Mit grauen Wipfeln in den Wind gehoben,

  • Hier wird noch einmal verdeutlicht, dass der Wind, von dem am Anfang die Rede war, die Ursache ist.

(11) Die quellenlosen, in der langen Schwäche

  • Diese Verszeile betont, dass den Bäumen die Basis des Lebens fehlt, nämlich eine Quelle, die Wasser spendet. Ein zweiter negativer Aspekt ist die lange Dauer, In der den Bäumen keine neue Kraft zugeführt wird.
  • Grammatisch wird es  auch wieder schwierig, man kann die Zeile als nachgeschobene Apposition zu „Wälder“ verstehen.

(12) Und nicht mehr steigt das Blut in ihren Ästen.

  • Hier wird dann die Folge des Mangels beschrieben, wobei die Verbindung zum Menschen wieder über das Wort Blut sehr deutlich wird.

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(13) Der März ist traurig. Und die Tage schwanken

  • In dieser Zeile wird ein zeitlicher Akzent gesetzt, indem ein Monat genannt wird. Dazu kommt der Eindruck, den man von ihm gewinnt. Interessant ist, dass in dieser und der folgenden Zeile das Bild nicht mehr so einseitig negativ ist. Immerhin ist von „schwanken“ die Rede und neben „Dunkel“ gibt es auch „Licht“. Als neuer belastender Aspekt kommt hinzu, dass die Umgebung nicht nur kalt und öde ist, sondern auch keine Antwort gibt, eine weitere Variante der Leblosigkeit.

(14) Voll Licht und Dunkel auf der stummen Erde.

  • s.o.

(15) Die Ströme aber und die Berge decket

  • Auch in den nächsten Zeilen hat man das Gefühl  einer Veränderung hin zum Normalen und von daher auch Harmlosen, wenn nur noch von Regen die Rede ist und dieser auch noch in das Bild eines Schildes eingearbeitet wird, den man eher mit Schutz in Verbindung bringt. Dazu passt auch das Verb „decken“, das im Kampf eindeutig etwas Positives ist.

(16) Der Regenschild. Und alles ist verhangen.

  • Die hier beschriebene Folge, dass man bei dem Regen nicht weit blicken kann, gehört auch wieder zur Normalität eines Regentages, wird mit nichts besonders Bedrohlichem verbunden.

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(17) Die Vögel aber werden nicht mehr kommen.

  • Hier und in der folgenden Zeile wendet sich die Atmosphäre wieder ins eindeutig Negative, denn der normale Rhythmus der Jahreszeiten scheint dauerhaft unterbrochen zu sein.

(18) Leer wird das Schilf und seine Ufer bleiben,

  • s.o.

(19) Und große Kähne in der Sommerstille

  • Vergrößert wird der Eindruck des Negativen, weil hier der Kontrast sichtbar wird zwischen dem, was möglich wäre (nämlich normales Leben), und dem, was real ist.

(20) In grüner Hügel toten Schatten treiben.

  • Das Gedicht schließt dann mit dem Kontrast der Lebensfarbe „grün“ und dem, was es von sich gibt, nämlich nur noch Schatten, den man auch noch als tot empfindet.

 

Fassen wir das Gedicht einmal inhaltlich zusammen, klären, worauf es hinausläuft (Intention):

  1. Es geht im Frühjahr offensichtlich um einen Rückschlag, was Wetter und Atmosphäre angeht.
  2. Die zweite Strophe sieht dann auch die unmittelbare Zukunft negativ.
  3. Die dritte Strophe kehrt dann wieder zum Ausgangsbild zurück.
  4. Die vierte Strophe verbindet die Jahreszeit und die vielleicht mit ihr verbundenen Hoffnungen mit der Realität. Dort findet eine Art Kampf statt zwischen dem Dunklen und dem Hellen. Am Ende dann aber ein Hinweis auf den zur Zeit eher anzunehmenden Sieg der rückwärtsgewandten Kräfte. Aber der Regen ist hier keine besonders beunruhigende Komponente.
  5. Am Ende dann das völlig negative Bild – ohne Hoffnung.
  6. Insgesamt zeigt das Gedicht wie das Wetter ein ständiges Hin und Her, aber mit mehr Durchschlagskraft der negativen Kräfte und Entwicklungen. Am Ende hat man den Eindruck, dass der Sprecher alle Hoffnung, die zwischendurch mal ansatzweise da waren, aufgegeben hat.
  7. Was die künstlerische Eigenart angeht, so fallen die vielen negativen Begriffe auf, denen nur wenige positive gegenüberstehen.
  8. Am schlimmsten sind die Elemente, die Leblosigkeit ausdrücken und damit die Zukunft endgültig „verhangen“ erscheinen lassen.
  9. Zum Verhältnis der wenigen eher positiven Elemente zu den negativen passt auch, dass es nur ganz wenige Reimansätze gibt.
  10. Zum Versmaß gibt es nicht viel zu sagen, es ist ein fünfhebiger Jambus, der zwar wie ein Aufschwung daherkommt, ihn aber nicht bringt.

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