Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Schnell durchblicken: Jakob van Hoddis, Weltende

Im Rahmen dieses Projekts geht es darum, Gedichte schnell und sicher zu verstehen.

 

Ausgangspunkt eine Mail von einem Jan, Schüler einer 10. Klasse.

 

Wir müssen das Gedicht  "Weltende" von Jakob van Hoddis interpretieren - aber das finde ich einfach nur schräg. Könnt ihr mir helfen.

 

Nun, wir lieben das Schräge und haben uns gleich rangesetzt.

 

Vielleicht hilft es ja auch anderen weiter.

 

Über das Kontaktformular sind wir auch bei anderen Gedichten leicht zu erreichen.

Jakob van Hoddis

 

Weltende

 

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

 

 

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

 

Markierte Fassung des Textes

  1. Die grüne Farbe verwenden wir für all das scheinbar Normale, potenziell gut Funktionierende in der Welt. Dabei spielt Technik eine große Rolle.
  2. Die gelbe Farbe steht für fragwürdige Erscheinungsformen, die zeigen, dass da möglicherweise auch im menschlichen Bereich etwas nicht in Ordnung ist.
  3. Die rote Farbe steht dann für den Einbruch der Katastrophe in die Welt der Technik und der Menschen.

Wie man Schritt für Schritt dieses Gedicht verstehen kann:
 

  1. Schon der Titel setzt einen klaren Akzent: Ende der Welt, Untergang.
  2. Die erste Zeile deutet auf Sturm hin - und darauf, dass die normale bürgerliche Welt in Unordnung gerät. Schön ist, wenn man weiß, dass ein Hut früher als “Zierde des Mannes” galt. Die wird ihm also hier genommen.
  3. Passend zum vermuteten Wind passt die zweite Zeile: Sie verbindet das sich ausbreitende Chaos mit der Reaktion der Leute: Sie schreien, sind also verunsichert.
  4. Die dritte Zeile beginnt real - und wendet sich dann ins Irreale. Deutlich werden soll wohl, dass Menschen bei diesem Weltende wie Dinge kaputtgehen.
  5. Die vierte Zeile enthält dann ein Signal für die wachsende Bedrohung - ausgedrückt in einem einfachen, aber kräftigen Bild.

Zweite Strophe:

  1. Wiederaufnahme von Sturm und Meer bzw. Flut, dann aber verkindlicht: Das passt zu dem Hut am Anfang: Aus Männern, die glauben, alles im Griff zu haben, werden Opfer einer Macht, die mit ihnen spielt.
  2. Die zweite Zeile macht deutlich, dass dieses kindliche Spiel einer großen Gewalt keine Probleme hat mit menschlichen Schutzmaßnahmen wie Dämmen.
  3. Die vorletzte Zeile springt dann in eine ganz andere Wirklichkeit: Am besten versteht man sie gerade darin, dass sie nicht passt. Menschen haben noch Schnupfen und beschäftigen sich damit, während ihnen der Untergang droht.
  4. Am Ende ist der Untergang einen Schritt näher gekommen, denn jetzt fallen nicht nur an sich schon gefährdete Berufsgruppen von den Dächern, sondern sogar Eisenbahnen - um 1900 Inbegriff der Verkehrs-Solidität.

Zusammenfassungt: Das Gedicht zeigt,

  1. dass die Menschheit und ihre Zivilisation dem Untergang entgegengeht
  2. dass der sich auf scheinbar lächerliche Weise präsentiert
  3. dass sie damit in keiner Weise umgeht, vielleicht auch nicht umgehen kann,
Schaubild, das erklärt, wie man schnell und sicher dieses Gedicht versteht
Mat328 sd-van Hoddis-Weltende.pdf
PDF-Dokument [165.3 KB]

Unser Schreibvorschlag für Kreative:

 

Wenn man sich das etwas irre wirkende Gedicht des guten Herrn van Hoddis anschaut, dann schreit das doch eigentlich nach Modernisierung.

 

Also: Übertragen wir es doch einfach mal auf die heutige Situation von Schülern.

  1. Sie stehen nichts ahnend, dafür aber extrem verspätet morgens auf und fahren auf schnellstem Weg zur Schule.
  2. Dort beginnt es ganz harmlos auf dem Vertretungsplan: Er ist kopfüber ausgehängt und rechts unten ist sorgfältig wie ein mittelalterlicher Herrscher-Stempel ein Stück Bonbonpapier angehängt.
  3. Nun ja, denkt man, da hat wieder ein "Vandale" seine Leidenschaften ausgelebt und macht sich auf den Weg zum Klassenzimmer. Im Treppenhaus aber gibt es einen Stau, weil dort die ersten drei Treppenstufen fehlen.
  4. Jetzt ist man besorgt und denkt, nichts wie zum Sekretariat und dort melden, was man gesehen hat. Allerdings sieht man dort zu seinem Erstaunen, wie die Geräte selbstständig halbhoch unterwegs sind auf dem Weg nach draußen - als würden sie auf einem Luftkissen bewegt. Hinter ihnen händeringend die beiden Sekretärinnen - mit Ausrufen wie: "Was soll das?" "Hey, bleibt doch einfach hier!"
  5. Nun folgt man den Geräten nach draußen, um zu sehen, was aus ihnen wird: Aber da, wo der Parkplatz war, rutschen gerade die letzten Autos in ein großes Erdloch und die Geräte aus dem Sekretariat folgen ihnen einfach.
  6. Glücklicherweise hört man ein Polizei- und Feuerwehr-Martinshorn - nur leider kommen die Fahrzeuge zwar richtig die Schulstraße heruntergerollt, werden dann aber zu startenden Flugzeugen und verschwinden Richtung Weltraum.
  7. Das ist dann der Moment, wo der aufgeweckte Schüler einfach nur noch den Kopf schüttelt und zum Bäcker geht, um sich dort in Ruhe endlich das Frühstück zu gönnen.

Jetzt muss man das Ganze nur noch in Gedichtform bringen - auf Reime kann getrost verzichtet werden.

Noch schöner ist es natürlich, wenn das Leute anregt, ihre ganz eigenen Weltende-Fantasien zu entwickeln und in Verszeilen zu gestalten ;-)

 

Hier nun unsere Lösung - bitte nur auf den Rhythmus achten - der macht letztlich ein Gedicht erst schön ;-)

 

Weltende 2016 - aus Schülersicht

Es ist wie immer, wenn die Nacht sehr lang war.

Den Wecker hat man nicht gehört, es heißt nun schnell sein.

Man rast zur Schule, nimmt ganz cool zwei rote Ampeln

und kommt dann glücklich an - jetzt schnell ein Blick auf den Vertretungsplan.

Doch was ist das? Er hängt kopfüber dort und ganz rechts unten

- das wird Herrn Hoddis, unseren Mann für'n Stundenplan nun gar nicht freuen -:

Da wusst wohl einer nicht, wohin mit seinem Bonbonrest:

Er klebt jetzt unten dran - ja, ja, Vandalen, ach, wohin man blickt.

Doch was ist das? Kaum hat man seinen Turm erreicht,

da stauen sich die Leute, und einer schreit: Da schau mal ...!

Und dann sieht man es auch: Da fehlen ja drei Stufen.

Und zwei, die glaubten, schon am Ziel zu sein.

Sie hängen jetzt da in der Luft - und klammern fest sich ans Geländer.

Jetzt heißt es ab - ins Sekretariat, das muss gemeldet werden.

Doch dann der nächste Schreck: In schöner Reihenfolge

ein Drucker, zwei PCs und auch ein Faxgerät - sie schweben still von hinnen

als hätten sie genug geschafft für diese und für jede Zeit.

Still folgt man ihnen auch - mit knappem Blick zurück.

Die eine Sekretärin ringt die Hände, der anderen steht der Mund halb offen.

Mehr sieht man nicht, denn schaudernd weicht man doch zurück,

also man den Rest des Platzes für die Etablierten in einem großen Loch verschwinden sieht.

Und immer noch ganz still - verschwinden Drucker, Fax und manches mehr.

Nur gut, dass nun von Ferne endlich Ordnung naht - zunächst sind da Sirenen

Dann auch zwei Streifenwagen und auch ein Auto von der Feuerwehr

Nur: Was ist das, statt abzubremsen, wird Gas gegeben und mit vollem Motorklang

geht es parabelartig hinaus in hohe Himmelswelten - vielleicht ist Hilfe dort.

Nun heißt es Haltung zu bewahren - dazu ein Kaffee und ein Frühstück wären gut.

Dort hinten das Café - vielleicht hört dort der Schrecken auf.

Ähnliches Gedicht von Alfred Lichtenstein: "Der Sturm"

 

Alfred Lichtenstein

 

Der Sturm

 

Im Windbrand steht die Welt. Die Städte knistern.

Halloh, der Sturm, der große Sturm ist da.

Ein kleines Mädchen fliegt von den Geschwistern.

Ein junges Auto flieht nach Ithaka.

Ein Weg hat seine Richtung ganz verloren.

Die Sterne sind dem Himmel ausgekratzt.

Ein Irrenhäusler wird zu früh geboren.

In San Franzisko ist der Mond geplatzt.

#151165173578# - Seitenzugriffe ab Aktualisierungsdatum

Kurz vor dem schriftlichen Abitur oder auch normalen Klausuren ist noch mal Endspurt angesagt. Dies E-Book hilft dabei. Zu bekommen ist es zum Beispiel hier.

<< Neues Textfeld >>

Zur Entspannung vor den Sommerferien - oder auch in der Vertretungsstunde:

Das ideale Quiz für den Deutschunterricht gibt es hier!

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Schnell durchblicken - So einfach kann es gehen - Impressum