Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Ein Liebesgedicht von August Stramm: "Trieb"

August Stramm ist bekannt für seine besonders knapp formulierten Gedichte, bei denen häufig auf komplette Sätze verzichtet wird.

 

Wir präsentieren und analysieren hier ein Gedicht, das - wie der Titel schon andeutet - sich mit dem "Trieb"-Leben des Menschen beschäftigt.

 

Es ist spannend zu sehen, wie das allein mit Worten dargestellt werden kann.

August Stramm
 

Trieb
 

01: Schrecken Sträuben
02: Wehren Ringen
03: Ächzen Schluchzen
04: Stürzen

05: Du!
06: Grellen Gehren
07: Winden Klammern
08: Hitzen Schwächen.
09: Ich und Du!

10: Lösen Gleiten
11: Stöhnen Wellen
12: Schwinden Finden
13: Ich
14: Dich

15: Du!
 

(1915)

Beobachtungen und Anmerkungen zu dem Gedicht:

 

  1. Die grau markierten Stellen präsentieren Vorgänge, die man eher irritiert, wenn nicht sogar befremdet wahrnimmt. Überaus deutlich ist das erste Wort ("Schrecken"), bei dem man nicht einmal weiß, ob es ein Substantiv ist oder ähnlich wie in Zeile sechs ein (neologistisch) verkürztes Verb (Schrecken statt Erschrecken). Auf jeden Fall scheint es sich hier bei all den Tätigkeiten nicht um etwas Einvernehmliches zu handeln, das ganze wirkt wie eine Eroberung in Zeiten noch nicht bestehender Gleichberechtigung.

     

  2. Erst in der zweiten Strophe wird mit der Anrede das Gegenüber überhaupt wahrgenommen und angesprochen. Allerdings hat man auch hier noch nicht den Eindruck, dass sich jetzt alles eindeutig ins Positive gewendet hat. Auch das erste "Winden" in der Zeile sieben kann noch negativ gesehen werden.

     

  3. Erst in der dritten Strophe entspannt sich alles. Zwar ist noch von "Stöhnen" die Rede, aber das muss kein Ausdruck von Leiden sein.
    Die Zeile 13 und 14 nehmen die beiden Partner über die Anredeformen in den Blick - aber es bleibt noch eine Subjekt-Objekt-Beziehung (Nicht "Du - mich").

     

  4. Ganz eindeutig positiv ist dann der Schluss, denn da scheint sich das lyrische Ich abschließend auf sein Gegenüber einzustellen und sich nicht mehr primär mit den eigenen Bedürfnissen zu beschäftigen.
     

  5. Insgesamt hat man den Eindruck, dass dieses Gedicht eine Liebesbeziehung in weiten Teilen auf einer sehr animalischen Ebene beschreibt, dabei dann aber doch zunehmend zu einer personalen Wahrnehmung vorstößt.

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