Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick

Paul Zech, Zwei Wupperstädte

In zwei, von der Zielrichtung her parallelen Gedichten beschreibt Paul Zech "zwei Wupperstädte", also Orte, die im Rahmen der Industrialisierung schon sehr früh eine spezifische Fabrikwelt präsentiert haben.

 

Besonders das erste Gedicht ist interessant, weil es am Ende von den Träumen derer spricht, die in dieser Welt arbeiten und leben müssen

Paul Zech

Zwei Wupperstädte

Else Lasker-Schüler zum Geschenk

Die erste

01: Hier lungern Paläste aus Glas und Granit
02: zwergzierlich wie Weihnachtskrippen.
03: Der Himmel fällt grau herab von Schieferklippen.
04: Immer gähnt schläfriger Tag und ein Regenlied.

05: Was in den Straßen wie Pulsschlag zuckt,
06: ist kreisender Schwung von Flechtmaschinen;
07: beutegierig lauert der Baal hinter ihnen.
08: Alle Wälder hat der gefräßige Rachen verschluckt.

09: Aus dem schlängelnden Tintenfluss
10: giftet das Ausgespiene wie Typhusdünste
11: und überflockt die Fabriken wie Ruß.

12: Die hier gezwungen den Tag vertun,
13: röhren den Blutschrei entflammter Brünste
14: und träumen von Lesbos und Averlun.

Die zweite

01: Schwarze Stadt an schwarzem Gewässer steilaufgebaut -
02: Grünbeliderte Fenster funkeln,
03: aus dem gespenstischen Schieferdachdunkeln
04: schnelln Schornsteine von Dampf und Dunst umbraut.

05: Hellwild rattert und knattert die Pendelbahn
06: über Brücken und hagre Alleen.
07: Fabrik dort unten, wo Spindeln sich kreischend drehen,
08: ist grau wie ein müder vermorschter Kahn.

09: Schweiß kittet die Fugen fest,
10: Schweiß aus vielerlei Blutsaft gegoren
11: Frommsein enteitert dem greisen Gebrest.

12: Mancher hat hier sein Herz verludert, verloren;
13: Kinder gezeugt mit schwachen Fraun...
14: Doch die Kirchen und Krämer stehn hart wie aus Erz gehaun.


 

Versuch, das zweite Teil-Gedicht schnell zu erfassen

Versuch, das erste Teil-Gedicht schnell zu erfassen

Unsere fünf entscheidenden Verständnispunkte beim ersten Teilgedicht
VP1: Das Gedicht enthält gleich am Anfang eine eher ungewöhnliche Zueignung an eine andere Dichterin der Zeit. Wir verzichten hier mal auf genauere Recherchen, weil es uns in erster Linie auf den Inhalt und seine Aussage ankommt.
VP2: Gleich die Beschreibung am Anfang geht ins Negative.
VP3: In der zweiten Strophe werden dann der scheinbar positive Vordergrund der raffgierige Hintergrund kapitalistischer Ausbeutung entgegengestellt.
VP4: Die dritte Strophe verschärft die Problematik noch, indem sie die lebensfeindlichen Umweltfolgen mit einbezieht.
VP5: Die Schlussstrophe wendet sich den Menschen zu, die hier unter diesen Bedingungen arbeiten müssen und ihr eigentliches Leben „vertun“, weil sie ganz den „Blutschrei entflammter Brünste“, also der Geldgeilheit der Kapitalisten dienen müssen.
Die Schlusszeile zeigt dann, wovon sie eigentlich träumen, von unerreichbaren Welten in der Ferne des Globus oder auch einer mythischen Vergangenheit.

Zwei kleine Anmerkungen dazu:
Lesbos ist eine griechische Insel, die in der Antike mit der Sängerin Sappho verbunden wurde. Von ihrem Beziehungsleben leitet sich der Begriff „lesbisch“ ab.

Averlun steht wohl für Averlon oder Avalon, die mythische Welt von König Artus, die in einem Spannungsverhältnis zur christlichen Missionierung Britanniens steht. Da gibt es Querbezüge im zweiten Gedicht.
 

Unsere fünf entscheidenden Verständnispunkte beim zweiten Teilgedicht
VP1: Auch hier findet sich in den ersten beiden Strophen viel Dunkles und nur etwas Licht.
VP2: Ganz deutlich ist der Hinweis auf den „Schweiß“ der vielen Arbeiter, die all das möglich gemacht haben, was sich jetzt in dieser Stadt an Wirtschaft und Wohlstand präsentiert.
VP3: Am Ende der dritten Strophe wird dann das kranke Frommsein kritisiert, das zu dieser Stadt auch gehört.
VP4: Die letzte Strophe enthält zunächst das Element der Lebensversuche, einfacher, schwacher Menschen, die immer wieder auch scheitern,
VP5: währen das Bündnis von Wirtschaft und Kirche unangefochten weiterbestehen kann.


Klausurbedeutung: @@
(Die Anzahl der @-Zeichen macht unsere Einschätzung der Klausurbedeutung sichtbar – wie die Sternchen bei Hotel-Bewertungen!)

Wenn das Gedicht für eine Klausur verwendet wird, dann wohl geteilt, so dass entweder die erste oder die zweite Hälfte genommen wird. Sonst wäre es zu umfangreich. Am ehesten in Frage kommt dabei wohl das erste Gedicht, weil es am Ende eine sehr interessante Strophe enthält. Dazu müsste es aber auch passende Erklärungen geben.


Anregungen:
Das Gedicht schreit fast danach, es auf heutige Schulverhältnisse umzuschreiben – natürlich aus dann sehr einseitiger, aber interessanter Schülersicht ;-)

 

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