Wenn die Wolken weg sind, lichtet sich der Blick
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Enzensberger und das Phänomen der "molekularen" Bürgerkriege

Hans Magnus Enzensberger, einer der Intellektuellen der Bundesrepublik, die besonders für eigenständiges Denken stehen - jenseits des jeweils aktuellen Mainstreams, hat bereits 1993 in dem Buch "Aussichten auf den Bürgerkrieg" vor Gefahren gewarnt, die immer drängender und aktueller werden.

 

Er sieht nämlich nach der Zeit der Staatenkriege die Verbreitung sogenannter "molekularer" Bürgerkriege, bei denen die Beteiligten kaum noch wissen, worum es überhaupt geht. Das hält sie aber nicht ab davon, fast bis zur Selbstvernichtung zu operieren.

 

Wir geben hier einen Überblick über die Gedanken Enzensbergers mit Hinweisen auf besonders interessante Stellen in der Kindle-Ausgabe des Sammelwerkes "Versuche über den Unfrieden". Zu finden ist es zum Beispiel hier.

Was bringt das Buch?

  1. Enzensberger beginnt mit der These, dass nach einer Phase vorwiegend von Staaten geführter Kriege jetzt wieder eine Zeit kommt, in der Gruppen mit gewalttätigen Aktionen beginnen, ohne letztlich ein klares Ziel zu haben.

    Sie sind sogar bereit, bis hin zur Selbstzerstörung zu gehen. Der Verfasser bringt hier das Beispiel, dass eine angebliche "Befreiungsbewegung" in Südamerika  die Bauern, deren Lage sie doch eigentlich verbessern will, auch umbringt. Oder eine Bürgerkriegsgruppe in Afrika zerstört das Krankenhaus, das sie vielleicht demnächst selbst braucht.

    Er bezieht allerdings auch scheinbar harmlose Anfangsphänomene mit ein, bei der zum Beispiel eine Bushaltestelle zerstört wird. Auch hier wird etwas zerstört, gegen das man eigentlich gar nichts hat und das man selbst noch braucht. Letztlich triumphiert hier eine perverse Lust am eigenen scheinbaren Erfolg.

    Aktuelles Beispiel für Enzensberger waren Rassenunruhen in Los Angeles, bei denen Schwarze vor allem Eigentum der schwarzen Community zerstörten.
     
  2. Im Kapitel V setzt sich Enzensberger dann mit Erklärungsansätzen auseinander:
    1. Er beginnt mit der konservativen Position, die alles mit einem allgemeinen Sitten- und Autoritätsverfall erklärt.
       
    2. In fast schon satirischer Weise setzt sich der Verfasser dann mit dem sozialtherapeutischen Ansatz auseinander, bei dem letztlich alles entschuldigt wird durch irgendwelche frühkindlichen Erfahrungen o.ä.
       
    3. Kritisiert wird auch die aktuell besonders geläufige Erklärung: Die Gewalt hänge mit der Ungerechtigkeit besonders in der dritten Welt zusammen. Dies ist für ihn eine zu einfache Erklärung, die vor allem als Entschuldigung verwendet wird.
       
    4. Ebenso ist er sehr skeptisch, was die Erklärung über Entwicklungsrückstände angeht. Hier sieht er zumindest aus der Perspektive von 1993 eine eher immer größer werdende Kluft zwischen entwickelt und unterentwickelt, Arm und Reich.
       
    5. Wichtig ist ihm der Hinweis, dass es in diesem Zusammenhang nicht nur um Ressourcen, sondern vor allem um Anerkennung geht.
       
    6. Sorgen macht ihm das Phänomen der zunehmenden Überbevölkerung, die den Wert des einzelnen Menschen in den Augen mancher Leute sinken lässt. Diese These kann man runterbrechen auf das Phänomen, dass heute Menschen viel weniger die Chance haben, als selbstbestimmte Bürger ihr Lebensspiel zu machen, sondern auf vielfältige, aber auf jeden Fall enge Art und Weise eingebunden werden in Institutionen und Gruppen, bei denen sie zu einem kleinen Rädchen im Getriebe werden. In asiatischen Gesellschaften kennt man in diesem Zusammenhang das Phänomen des Amoklaufs.
  3. Im sechsten Kapitel beschreibt Enzensberger dann den Weg von zunehmender Vermüllung bis hin zu Gewaltexzessen. Besonders diese Perspektive kann beunruhigen, weil solche Phänomen ja allerorten zunehmen. Auch verweist er auf Entwicklung hin zu "gated communities" für Wohlhabende und Rückzugs- bzw. Fluchtversuche vieler anderer Menschen - zum Beispiel "aufs Land" o.ä.
    Besonders problematisch erscheint die Ausbreitung privater Sicherheitsdienste angesichts des Rückzugs des Staates - bis hin zur Feststellung, es gebe kein Grundrecht auf innere Sicherheit.

    Die große Gefahr dabei ist für Enzensberger, dass so auf Dauer der Unterschied zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Kräften gar nicht mehr eingehalten werde - man denke etwa an die Todesschwadronen, die es lateinamerikanischen Ländern in bestimmten Phasen staatlicher Schwäche gegeben hat.

    Sehr nachdenklich stimmt einen als Leser ein Selbstversuch, den jemand unternommen hat. Im Nachhinein entdeckt er bei sich fast schon ekstatische Züge im zumindest ansatzweise vorhandenen Gewaltexzess, die eine Art Transzendenzersatz darstellen.
     
  4. Das 7. Kapitel geht auf "Unschuldsvermutungen, Minenfelder" ein und kritisiert dabei in besonderer Weise alle die, die zu lange zusehen und damit die Entwicklung Richtung Bürgerkrieg zumindest mittelbar unterstützen. Hier wagt sich der Autor doch ziemlich weit aus dem Fenster, wenn er die zumindest mentale kollektive Unterstützung als Normalfall der Unterstützung im Bürgerkrieg hervorhebt. Er übersieht dabei die vielfältigen Zwänge, die viele vor die Wahl stellen, entweder die Täter zumindest minimal zu unterstützen oder selbst Opfer zu werden. Man denke hier etwa an Mobbing-Prozesse oder an die Zwänge im Ruanda-Konflikt. Dort wurden die Angehörigen der eigenen Volksgruppe zum Teil regelrecht zum Mitmorden gezwungen. Vergleichbare Anpassungszwänge kennt man aus dem Mafia-Umfeld.

    Schon mal ein Ausblick auf die restlichen Kapitel
     
  5. Kapitel VIII: "Hasskultur, Medientrance"
    Zu einem deutlichen Rundumschlag holt Enzensberger im Bereich der Kultur aus. Hier sieht er ab dem Beginn des 20. Jhdts. eine Vorliebe für das Verbrechen, wobei der Begriff der Avantgarde für ihn eine ganze neue Zielrichtung bekommt.
    Was die Medien angeht, sieht er ein Wetteifern um "Serienmörder" und das "Staatstheater trampelt mit seinen Blut- und Scheiße-Inszenierungen hilflos hinter dem Horrormovie her." (Pos 1148 im EBook).
    Das Fernsehen hat für Enzensberger eine besonders problematische Rolle, weil sie dem Täter noch die Möglichkeit gibt, seine eigenen Taten und damit auch sich selbst in einer Art mehrfachen Realität zu bewundern.
     
  6. Kapitel IX. :"Wundertüten, Schuldgefühle"
    In diesem Kapitel kritisiert der Verfasser die hohe Rhetorik und den sehr allgemeinen Anspruch universaler Menschenrechtserklärungen, die der Wirklichkeit nicht standhalten. "Darin zeigt sich ihr theologischer Kern, der alle Säkularisierungen überstanden hat." (Pos. 1190)
    Sehr kritisch sieht Enzensberger auch hier die Rolle des Fernsehens, weil es zum einen den Mördern Gelegenheit gibt zur Selbstdarstellung (s.o.), zum anderen aber auch ungewollt einen Abstumpfungsprozess erzeugt. Dazu kommt das Phänomen des Nachahmungstäters: "Insofern betreiben die Medien, ob sie wollen oder nicht, immer auch Propaganda für die Tat, von der sie berichten." (Pos.1212)
    Auch sieht Enzensberger das Problem der Überforderung im Bereich des Verstehens, aber auch im Bereich des moralischen Anspruchs. Er verweist auf die durchaus gesunde Abwehr-Reaktion anderer Weltgegenden auf europäische Probleme: "Was gehen mich eure Geschichten an?" Sie haben ganz eigene und andere Sorgen.
    Das passt auch zu dem Vorwurf, dass viel Moral in Europa sich vor allem auf die Fernsten richtet, dafür aber gerne Nächsten-Vernachlässigung betreibt, den "kranken Nachbarn" (Matthias Claudius) aber gerne ausspart, der früher mal im Mittelpunkt sozialen Handelns stand.
     
  7. Kapitel X. "Hilferufe, Vormundschaften"
    Sehr skeptisch ist Enzensberger, was die Eingriffsmöglichkeiten anderer Staaten oder der vielgenannten "internationalen Gemeinschaft" angeht. Zum einen verweist er auf die begrenzen Erfolge der UN-Missionen, deren Soldaten häufig selbst zu Opfern werden. Dazu kommt die ständige Möglichkeit, die eigene Bevölkerung im Falle von Sanktionen als Geisel zu nehmen.
    Vor allem verweist Enzensberger auf die Neuauflage eines fast schon kolonialistischen Überlegenheitsgefühls, wenn man den Völkern der Dritten Welt nicht zumutet, aber auch zutraut, dass sie gegen die Gewalttäter im eigenen Land vorgehen.
    Dieses Phänomen ist ja im aktuellen Kontext der Flüchtlingsbewegung insofern ein Problem, als Soldaten aus Europa und Nordamerika in ihren Ländern Ordnung schaffen sollen, während Teile der wehrfähigen Bevölkerung aus der Verantwortung für ihr eigenes Land entlassen werden. Zumindest im Bürgerkriegsbereich der Fluchtursachen dürfte Europa mit ihrer Bewältigung völlig überfordert sein.
     
  8. Kapitel XI. "Prioritäten, Antinomien"
    Hier plädiert Enzensberger für eine Verantwortungsethik, die bereit ist, auch die notwendigen Prioriäten zu leisten, wie sie im Extremfall des Krieges bei Verwundeten praktiziert wurde: Wer sich einigermaßen selbst helfen kann, muss das tun. Wem nicht mehr zu helfen ist, der muss akzeptieren, dass Ressourcen dort gebündelt werden, wo die Chancen auf Überleben dadurch vermehrt werden. Der Verfasser sieht hier Paralleliäten zur Intensiv- und Notfallmedizin.
    Außerdem macht er noch einmal an einigen Beispielen deutlich, welche Selbstüberschätzung mit vielen Versuchen verbunden ist, Probleme in fernen Ländern lösen zu wollen.
    Am Beispiel des Entstehungsumfelds seines Buches macht Enzensberger für die Deutschen ganz klar: "Nicht Somalia ist unsere Priorität, sondern Hoyerswerda und Rostock, Mölln und Solingen" (Pos. 1329) - alles Orte, in denen es in einer aufgezeizten Atmosphäre zu Übergriffen auf Migranten mit Bedrohung für Leib und Leben kam.
     
  9. Kapitel XII. "Vorläufige Wunder"
    Das Buch endet dann noch mit etwas Positivem, nämlich dem Hinweis auf die Menschen, die in und vor allem nach den Katastrophen mit dem Wiederaufbau beginnen - im Bewusstsein, dass der Waffenstillstand oder gar der Frieden nicht ewig dauern werden.
    Am Ende wird der Sisyphos-Mythos neu interpretiert: Statt des Outsiders bzw. Rebellen steht da der große, listige Trickser, der es immer wieder schafft den Tod zu überlisten. Enzensberger sieht in der in der Regel als Strafe verstandenen Aufgabe, immer wieder einen Stein den Berg hinaufzurollen, etwas ganz anderes, nämlich das dauerhafte, immer wieder von Rückschlägen getroffene Bemühen um Frieden.

     

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